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Genau, Gülsha!

Das Leben ist seltsam. Autorin und Moderatorin Gülsha Adilji über die Kuriositäten dieser Welt.

Influence me to the Erwachsenheit

Gülsha Adilji tastet sich an ein diszipliniertes Leben heran: Unsere Bloggerin nimmt sich dafür die zahlreichen Influencer im Internet zum Vorbild. Die haben ihr Leben im Griff, sagt sie - und meints nur ein bisschen so.

Da ich mein Leben absolut und total im Griff habe, kaufe ich praktisch täglich Lebensmittel ein, weil ich irgendwie nicht weiter als bis zur nächsten Mahlzeit denken kann. Sehr normal. Genauso normal wie mit 32 Jahren in einer WG zu wohnen. Voll. Nor. Mal. Aber, we’re getting there: Ich habe mir jetzt Vorbilder zusammengesucht und taste mich an ein diszipliniertes Leben heran, ich klicke mich nämlich mindestens dreimal am Tag durch die Instagram-Storys all dieser Influencerinnen. Die haben ihr Leben im Griff, sag ich Ihnen.

Die Buddhisten der Social Media Welt

Die stehen frühmorgens auf, raffeln Randen in ihr zucker- und glutenfreies Porridge, fotografieren es und posten das Rezept für mich. Sie essen es aber natürlich nicht sofort – spinnsch – weil sie erst auf nüchternen Magen ins Training müssen. Sie erklären, dass das 20 Prozent effizienter ist; wenn man hochswiped, kommt man zum YouTube-Video, wo sie es nochmal genau ausführen #StoffwechselBoost. Ich glaube ihnen ohne zu swipen und schaufle mein Körpergewicht an Humus in mich rein.

Jeder Tag ist eine Aneinanderreihung von Verzicht und Selbstzucht, bei ihnen sieht es aber so aus, als wäre es funfun-fun.

Sie sind die Buddhisten der Social Media Welt, jeder Tag ist eine Aneinanderreihung von Verzicht und Selbstzucht, bei ihnen sieht es aber so aus, als wäre es funfun-fun. So will ich auch mal werden. Täglich erleben sie neue verrückte Abenteuer und lassen mich, ihr Schätzi-Schnüggi, daran teilhaben und motivieren mich, mein Leben entlang einer Mager- bzw. Sportsucht zu balancieren – darum scheint es ihnen zu gehen.

Und da sie alle irgendwie dasselbe tun, hilft mir die Wiederholung, ihre Wahrheit zu meiner zu machen. 

Und wenn ich kurzzeitig z.B einen Hirnschlag erleide und nicht mehr weiss, wie man Süsskartoffeln im Backofen zubereitet oder durch eine spontane Amnesie vergessen habe, wie man googelt, schreibe ich es einfach in die Kommentarzeile meiner Influencer-Königin. Dort werde ich noch gehört, ernstgenommen und meine Fragen werden beantwortet. Natürlich frage ich mich, wie diese ausgemergelten Körper mit superreiner Gesichtshaut es schaffen, so viel Feedback und Fragen zu bearbeiten, aber ihnen ist glaub nichts wichtiger als ich.

Ernährungswahn und selbstauferlegte Askese

In ihren glamourösen Leben, in denen sie in Restaurants eingeladen werden oder Tiefgaragen eröffnen, haben sie sogar immer noch Zeit und Energie, sich für Nachhaltigkeit zu engagieren. Sie veranstalten z.B Insta-Flohmärkte, wo sie ihre NutriBullets und FitBits verkaufen, wenn sie wieder neue zugeschickt bekommen haben. Wenn die Sachen so lange wie möglich im Kreislauf bleiben, haben wir alle etwas für die Umwelt getan. Das fühlt sich gut an, und lindert mein schlechtes Gewissen, weil ich aus Faulheit noch immer Papier nicht recycle oder Batterien in den Haushaltsmüll werfe.

Und da sie alle irgendwie dasselbe tun, hilft mir die Wiederholung, ihre Wahrheit zu meiner zu machen. Natürlich weiss ich, dass in ca. einem Jahr zwei Dutzend True-Talk Videos auf YouTube geschaltet werden, wo sie erklären, wie es wirklich war und dass sie fast zerschellten am Ernährungswahn und der selbstauferlegten Askese.

Aber ich kann mir ja bis dahin die guten Sachen rauspicken und auf Zucker, Salz und Öl verzichten oder #TeamNoAlcohol werden. Wait, das sind die guten Sachen zum auslesen? Fuck that shit, ain’t nobody gonna take my humus or my wine away. Ich übernehme einfach writing stuff in english von ihnen, das muss reichen als erster Schritt zum «Leben im Griff haven».