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Genau, Gülsha!

Das Leben ist seltsam. Autorin und Moderatorin Gülsha Adilji über die Kuriositäten dieser Welt.

Wieso sind alle schon bereit für den Sommer?

Bloggerin Gülsha Adilji musste mit Schrecken feststellen, dass der Sommer vor der Türe steht - und dass sie auf keine Art und Weise dafür vorbereitet ist. Wie jedes Jahr. Sie wundert sich über die Bikini-Figur der anderen, bereits gewaxte Beine und perfekte Sonntags-Brunchs.

Nichts verabscheue ich mehr als dieses grausame Gefühl, gegen vier Uhr morgens aus dem Club emporzusteigen und von Vögeln den Walk of Shame mit fröhlichem Gezwitscher in die Schläfen und mitten in die Seele gedrückt zu bekommen. Dort, wo das schlechte Gewissen wohnt und wegen dieses TweeeeeeiiiiikTwiiiiikThhhiiiiwwwiiiik aus der Vodka-Betäubung gerissen wird. Bei Sommerbeginn realisiere ich jeweils deutlich, wie wenig ich mein Leben im Griff habe.

Ohne Vorwarnung wird man in die neue Jahreszeit geworfen und muss komplett bereit sein dafür. Die Beine müssen nicht nur aalglatt, sondern bereits vorgebräunt sein. Genau so, wie die Füsse sandalentauglich und in den neusten Trendfarben pedicured in den nigelnagelneuen Peeptoes auf laue Dachterassen-Partys warten sollen.

Ab Mai 34 tägliche Mehr-Belastungen

Wann sollte das alles passiert sein? Wann kriegt man Waxing- und Hornhaut-Abschabe-Termine? Zu allen anderen Verpflichtungen wie morgens Aufstehen und den Tag Überleben kommen ab Mai vierunddreissig tägliche Mehr-Belastungen hinzu. Wer hat so unglaublich wenig zu tun im Leben, dass er beim Sonntags-Brunch einen Tomaten-Wildminze-Salat kredenzen kann, mit Gemüse und Kräutern aus eigenem Garten, versteht sich?

Während sich meine Artgenossen über Rosmarin als Schädlingsbekämpfer und die optimale Lage für die hauseigene Austernseitlings-Zucht unterhalten, habe ich eine weitere Ikea-Zimmer-Pflanze über den Jordan geschickt. Und dann dieses Hin-und-her-Schieben von Rezeptideen, was man denn noch alles mit dem wilden Thymian verfeinern könnte.

Diese Arschloch-2kg

Es wundert mich, dass all diese Leute überhaupt essen, denn natürlich ist ihre Bikinifigur auch schon ready, um am Fluss auf den Steg gepackt zu werden. Ja, ja, ich weiss, ich weiss: «be body positiv, wer eine Figur hat und einen Bikini anzieht, hat automatisch eine Bikini-Figur» – Das finde ich auch. Aber eben, diese Arschloch-2kg, die man doch noch gerne weggehabt hätte, machen mich dann doch body- und launennegativ.

Nicht nur, dass ich immer den Bauch einziehen muss und nur liegen oder stehen, aber unter keinen Umständen in Badehosen sitzen kann, ich hab zum Speckrollen-Issue auch noch nicht einmal meine Badeaccessoires bereit! Weder Badehosen, die passen, noch eine neue Sonnenbrille, geschweige denn ein Badetuch, mit dem ich mich nicht blamiere. Obwohl ich des Googelns fähig bin, weiss ich noch immer nicht, wie ich die Rostflecken aus meinem Pestemal-Badetuch rauskriege. Vermutlich mit Zitronensaft und Kokosblütenzucker. Wobei es auch keine Rolle spielen würde, wenn ich es wüsste – ich würde es ja trotzdem auf nächstes Jahr verschieben.

Jedes Jahr eine neue Chance

Was irgendwie sehr beruhigend ist: Ich habe jedes Jahr eine neue Chance, meinen Balkon mit Erdbeeren und Petersilie zu bepflanzen, mein Fahrrad rechtzeitig aus dem Keller zu holen und Sonnencreme zu organisieren, bevor ich mich zweimal komplett gehäutet habe.

Es wird immer wieder Sommer. Und dazwischen habe ich wieder ganz viel Zeit, im Schutze der Kälte und der dunklen Winterzeit meine Energie zu bündeln oder ohne Vogel-Dolby-Surround-Gesang aus dem Club ins Taxi zu huschen, ganz ohne gebronzte Beine.