haus und herd

Haus und Herd

Vier Spitzenköche tauschen Küchenschürze gegen Tastatur.

Ideen schmieden statt meckern

Dario Cadonau vom In Lain Hotel Cadonau in Brail findet, dass die Engadiner ihre Region auch im angeblich kargen Frühling attraktiver anpreisen könnten.

Vor wenigen Tagen war ich mit meiner Frau essen. Kaum haben wir am Tisch Platz genommen, kam uns auch schon der Direktor entgegen, den wir persönlich kennen. Nach einem kurzen Small-Talk legte er los: Wie streng doch der Winter sei. Und wie froh er sei, dass es nur noch drei Wochen dauere, bis er endlich die Türen seines Restaurants schliessen könne, und die Gäste dann weg seien. Dann nämlich beginnt die Zwischensaison.

Wie so oft in solchen Situationen gebe ich meiner Frau unter dem Tisch ein Fuss-Zeichen und sie schmunzelt vor sich hin. Als der Direktor unseren Tisch verlassen hat, nahmen wir ein oft besprochenes Thema wieder auf: Wir verstehen ja, dass man müde ist. Aber die lautstarken Aussagen darüber, wie froh man sei, wenn die Gäste weg seien, verstehen wir nicht. Wir freuen uns nicht, wenn Gäste gehen. Klar, es ist sehr schwierig, im Mai offen zu haben. Wir schicken unser Team jeweils in die Ferien. Dann gibt es halt Tage, an denen ich als Koch und Abwascher tätig bin, während meine Frau als Putzfrau und Serviceangestellte arbeitet. Das gehört dazu, sonst müssten wir auch unser Haus schliessen. Wenn es ganz ruhig ist, restaurieren wir Kleinigkeiten und bereiten uns auf die wunderschöne Frühlings-, Sommer- und Herbstzeit vor. Und natürlich sammeln auch wir wieder Kräfte, um weitere Ideen zu spinnen.

Ist die Schneeschmelze früh, wie vermutlich in diesem Jahr, kommen die weissen und violetten Krokusse schon im April raus. Im Mai blühen die ersten Blumen auf den Alpwiesen. Kurz gesagt: Dann ist es wunderschön im Engadin. Es dauert nicht mehr lange, bis wir unsere Tische in den Restaurants mit farbigen Blumen schmücken können. Die Kühe ziehen auf die Weiden und die Murmeltiere schlüpfen aus ihren Löchern und pfeifen munter. Die Wanderwege im Nationalpark sind wieder wanderbereit, auch wenn man noch nicht dieselben Höhenmeter machen kann wie im Hochsommer, weil noch Schnee liegt. 

Aus diesen Gründen wünschen wir uns sehnlichst, dass die Vorfreude auf die Zwischensaison nicht so gross und lautstark wäre. Wir alle sollten unsere Energie lieber in neue Ideen stecken. Wie schaffen wir es, in den noch unattraktiven Tourismus-Monaten Gäste ins Tal zu holen? Wie können wir zusammenarbeiten, ohne dass wir viele Mitarbeiter brauchen? Wie schaffen wir es, dass das schöne Engadin das ganze Jahr durch mit Touristen gefüllt ist? 

Aktuell ist alles auf Zwischensaison eingestellt. Es gibt Zwischensaison-Öffnungszeiten und einen Zwischensaison-Busfahrplan, wonach der Bus noch weniger fährt als sonst. Auch sind die Bergbahnen geschlossen, ebenso die Museen und die Hallenbäder. Ist das wirklich der richtige Weg für die Zukunft des Engadins? Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir flexibler denken. Ich setze mich dafür ein, dass die Saisons im Engadin verlängert werden. Denn hier ist es zu jeder Jahreszeit wunderschön und reizvoll. Einmal ist das Engadin bunter, einmal etwas karger. Dann ist es weiss und manchmal ganz goldig. Ich freue mich auf die Gäste in all diesen Phasen - und danke denjenigen, die uns das ganze Jahr über tatkräftig unterstützen.

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