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Joëlle schaut fern

Joëlle Weil bloggt über die TV-Sendung der Woche.

«Achtung Mütter»: Zu viele Mütter verderben den Brei

Oberflächlich, ausdrucksschwach und unergiebig sind die Adjektive, mit der unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil die Sendung «Achtung Mütter» auf SRF beschreibt. Dabei wäre das Thema «Erziehung» eigentlich ein so spannendes.
Achtung Mütter
© Screenshot SRF1

Vier Mütter besprechen in der Runde, was die eine schlechter macht als die andere. Wie ermutigend... 

An dieser Stelle möchte ich die Frage in die Runde werfen, weshalb wir als Menschen das Bedürfnis haben, Kinder zu kriegen. Nun wird bei dieser Frage jeder auf eine andere Antwort kommen. Und jede Antwort wird sich nach dem eigenen Erfahrungswert, nach den eigenen moralischen Vorstellungen und Ideologien richten.

Jede sieht sich als Übermutter

Warum ich diesen Gedankenstein ins Rollen bringe, hat folgenden Grund: Am Donnerstagabend habe ich mir die dritte Folge der SRF-Serie «Achtung Mütter» reingezogen. Vier komplett unterschiedliche Mütter, die ihre Erziehungsmethoden und Familienmodelle vorstellen. Jede Woche stellt ein anderes Mami ihr Leben und ihre Meisterleistung zur Schau und lässt sich dann von drei Fremden bequatschen. Zu viert sitzen die Protagonistinnen dann um einen Bildschirm herum, schauen sich in jeder Folge die Aufnahmen des Lebens der einen oder anderen an und kommentieren, was sie zu sehen bekommen. 

Der Mensch ist ein arrogantes Wesen, den jeder denkt von sich selbst, das Rad erfunden zu haben. Vier Frauen, von der jede davon überzeugt ist, die Frau Übermutter zu sein und sich deshalb als qualifiziert erachtet, über die jeweils andere zu urteilen...

Warum wollen diese Mütter das? 

In der aktuellen Folge zeigte Mutter Aline, wie sie ihre Karriere und gleichzeitig ihre Leistungssport-Kinder vorantreibt. Die Nanny hilft, der Mann natürlich auch. Alle rennen von einem Training zum nächsten und irgendwann am Sonntag sitzen dann alle mal gemütlich beim Znacht zusammen. Es lag ja auf der Hand, dass die anderen Mütter das Förderprogramm der Kinder als zu leistungsorientiert beurteilten. «Ist das der Ehrgeiz der Mutter oder werden die Kinder dazu getrieben» stand als Leitfrage im Raum. Eine Frage, die man sich absolut stellen kann. Die eigentliche Frage jedoch lautet: Warum will diese Mutter diese Frage von anderen Müttern gestellt bekommen? Warum sollte man sich diesen Fragen überhaupt im Fernsehen ausliefern wollen?

Ich gehe davon aus, dass dieses TV-Format in der heimischen Stube eine Debatte auslösen sollte und es auch tut. Aber was in 45 Minuten Sendezeit an Familienleben dargestellt werden kann, sagt doch so unfassbar wenig über den Ertrag eines Erziehungsstils aus. Eine Familie ein paar Tage lang zu begleiten, um dann über ihr Familienkonzept zu sprechen, ist doch so, als würde man in einem Kochkurs alle Schritte gehen, ohne dabei am Ende zu kosten. Sind das denn nun bessere Kinder, als die anderen? Werden sie erfolgreichere oder bessere Menschen, als die anderen Kinder mit anderer Erziehung? Sind diese Eltern denn glücklichere Eltern? Man weiss es nicht.

Viel Blabla ohne Ertrag

Die Sendung hat mich als Zuschauer absolut gleich klug wie zuvor zurückgelassen. Es wurden lediglich ein paar spekulative Kritikpunkte der anderen Mütter in die Kamera in meine Richtung geschossen. Etwas Ergiebiges jedoch wurde nicht verfüttert. Als würde der Sushi-Koch dem Pizza-Bäcker erklären wollen, was er zu tun habe. Da hat ja keine Seite etwas davon. 

Mutterwerden ist ja bekanntlich nicht schwer. Muttersein hingegen ziemlich sicher schon. Warum wir Frauen uns da gegenseitig noch in aller Öffentlichkeit auf die Hände hauen müssen, ist mir ein Rätsel. Um bei den Ess-Metaphern zu bleiben: Zu viele Köche verderben den Brei. Und zu viele Mütter mir mein TV-Abendprogramm.

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