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Joëlle schaut fern

Joëlle Weil bloggt über die TV-Sendung der Woche.

«Liebes Krisen»: Viel Sitzen, viel Wasser, keine Antworten

Da hat sich unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil mehr erhofft: Bei «Liebes Krisen» erfuhr sie eigentlich nur, wie man fremdgeht. Die grossen Fragen blieben jedoch unbeantwortet. Und Bewegung gab es auch keine. Dafür konnte sie nach der Sendung gut schlafen. 
Liebes Krisen SRF
© Screenshot SRF1

Tanja Gutmann sitzt Anni und Dennis gegenüber, trinkt ein Glas Wasser und hört ihnen zu, wie, wann und wo Dennis seiner Anni fremdgegangen ist. 

Ich habe mich am Montagabend als Zuschauerin mit Tanja Gutmann, 41, auf eine Reportage zum Thema Untreue begeben. Das erste Kapitel der neuen SRF1-Dokureihe «Liebes Krisen». Gutmann traf hierfür drei Paare, bei denen jeweils einer der beiden fremdging. Zwischendurch kam der bekannte Paartherapeut Klaus Heer zu Wort.

Liebes Krisen SRF
© Screenshot SRF1

Achim ist Fritz fremdgegangen, als dieser wegen einer Krankheit zwölf Wochen lang im Spital bleiben musste. 

Gutmann besuchte die Paare zuhause und liess sich von ihnen erzählen, wie und warum der Fremdgänger fremdging. Wie er sich dabei gefühlt hat. Wie sich der andere gefühlt hat. Warum der eine das tat. Warum der andere verzeihen konnte. Wo man es getrieben hat. Wie man es herausfand. Ganz viele W-Fragen wurden gestellt, ganz wenig Neues konnte ich nach 55 Minuten Sendezeit für mich mitnehmen.

Liebes Krisen SRF
© Screenshot SRF1

Bei einem Glas Wasser lässt es sich am offensten sprechen: Achim erzählt Tanja Gutmann, wie er betrogen hat. 

Während alle Paare in aller Ausführlichkeit vom Seitensprung berichteten und über Gefühle sprachen, fragte ich mich, was uns die Sendung eigentlich sagen will. Wie man fremdgeht und wie man einen Seitensprung beichtet und dass es wehtut, dürfte jedem klar sein. Die grosse W-Frage, die man sich als Zuschauer und –hörer doch fragt, ist: WIE kriegt man eine Beziehung nach einem solchen Vertrauensbruch wieder hin?! WIE?! Und WAS muss man dafür tun? WELCHE Rolle spielen Vergeben und Vergessen? WARUM glauben die Paare, dass ihnen so etwas nicht wieder passieren kann? WIE haben es diese drei Paare geschafft?

Liebes Krisen SRF
© Screenshot SRF1

Thomas wusste, dass Raute eine Affäre hatte. Das tat weh. 

Dass die Sendung auf Hochdeutsch stattfand, mochte ich nicht, aber das ist Geschmackssache. Ich persönlich schätze Schwiizerdüütsch, wenn ich SRF einschalte. Oder dieses Schwiizer-Hochdüütsch, wie bei den Nachrichten oder Reporter-Sendungen. Bei den Protagonisten aber will ich Schwiizerdüütsch hören. Die Tatsache, dass alle drei Paare Deutsche waren, störte mich zwar nicht, weil es Deutsche waren, sondern weil sie dem Schweizerdeutsch so gar keinen Raum liessen. Wenn ich drei deutschen Pärchen zuhören will, kann ich RTL, SAT.1, Arte, Pro Sieben usw. einschalten. Wo aber bietet sich für mich die Gelegenheit, Schweizern beim Thema zu lauschen? Ebä.

Klaus Heer, 74, glänzte als eigentlicher Star der Sendung. Wäre die Sendung etwas mehr auf die Zeit nach dem Seitensprung eingegangen, hätte bestimmt so manch ein Zuschauer von der Expertise des Therapeuten profitieren können. Hand aufs Herz: Wie Seitensprünge technisch funktionieren, kann man sich denken. Dafür braucht es keine Anleitung.

Liebes Krisen SRF
© Screenshot SRF1

Klaus Heer hätte ich ganz lange zuhören können. Schade, liess man ihn nicht lange genug reden, als es um das wirklich wichtige Thema ging. 

Der Sendung fehlte es an Tempo, Spannung und Information. Aber auch an Tiefe. Und Swissness. Schade, denn man hätte viel mehr aus dem Format schöpfen können und sollen. Man hätte Gutmann auch nicht wie eine Teestunden-Therapeutin ständig den Protagonisten gegenübersetzen müssen. Die sassen sich alle ständig gegenüber. Ich sass, die im Fernsehen sassen, alle sassen und sassen und sassen... Da wurde ich ziemlich schnell müde. Und da stand immer dieses Glas Wasser überall auf allen Tischen. So viel Wasser und Sitzen und Wasser und Sitzen. Da brauchte man eine starke Blase und einen starken Kaffee, um bis zum Ende mitsitzen zu können.