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Joëlle schaut fern

Joëlle Weil bloggt über die TV-Sendung der Woche.

«Lebe deinen Traum» - Nur Zuckerwatte ist süsser

Die Bodenständigkeit der Schweizer findet unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil eigentlich zwar liebenswert, aber auch etwas langweilig. Das wurde ihr während der Sendung «Jetzt oder nie - Lebe deinen Traum» bewusst. 
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© Screenshot SRF1

Nicole geniesst ihren ersten Sonnenuntergang in Südafrika. 

Mein Name ist Joëlle und ich schaue leidenschaftlich gern «Goodbye Deutschland» auf VOX.

- «Hallo Joëlle»

Und ich staune ja immer über die Naivität und den mangelnden Geschäftssinn dieser deutschen Auswanderer: Frittenbude auf Mallorca. Bayrischer Biergarten auf Mallorca. Sockengeschäft auf Mallorca. Nasenring-Reinigungsmittel-Laden auf Mallorca... Wer den Träumen der TV-Deutschen lauscht, zieht irgendwann ungläubig eine Augenbraue hoch. Wie anders wir Schweizer sind, zeigte «Jetzt oder nie – Lebe deinen Traum» am Samstagabend auf SRF1.

Die absolut reizende Kiki Maeder, 36, begleitete vier Schweizer bei deren Erfüllung ihres Traumes. Und wie wir Schweizer so sind, waren auch die Träume bodenständig und so niedlich, dass ich sie in die Wange kneifen und ihnen Spitznamen geben wollte.

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© Screenshot SRF1

Deltapilot Raoul will mit einem Archaeopteryx von Brig über den Simplon nach Domodossola fliegen. Hat er natürlich auch geschafft. 

Da war die junge Sira, die mit einer Theater-Tanzgruppe sechs Monate durch die Welt reiste. Oder Raoul, der mit einem Archaeopteryx von Brig über den Simplon fliegen wollte. Marina hat sich auf nach Südafrika gemacht, um sich während zwei Monaten zum Safari-Ranger ausbilden zu lassen. Zuletzt noch mein Liebling: Marina, die ihren Job als Kindergärtnerin hinter sich liess, um in einem Wagen Bastelkurse für schöne Postkarten in der ganzen Schweiz anzubieten.

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© Screenshot SRF1

Marina (nicht auf dem Bild) träumte von einem fahrenden Bastelladen. Postkarten für die ganze Schweiz. Einen herzigeren und liebenswürdigeren Traum kann man nicht haben. 

Bei keinem einzigen Protagonisten wanderte meine Augenbraue. Alle Pläne waren durchdacht, die Ziele waren realistisch und die Protagonisten so herzig, dass nur Zuckerwatte ihrer Herzigkeit hätte das Wasser reichen können. 

Für die Zuschauer-Seele birgt eine so bodenständige Auswahl viel Gutes: Sie zeigt, dass man ruhig etwas «Out of the Box» träumen darf und dass solche Ziele durchaus zu erreichen sind. Ich mag diese «Mutmacher»-Sendungen ja total und muss immer etwas mitschluchzen, wenn am Ende der Plan aufgeht, alle superglücklich sind und das Leben gelebt wird.

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© Screenshot SRF1

Sira umarmt ihren Papi, bevor es für sechs Monate auf grosse Reise geht. 

Wenn Kiki dann noch supereuphorisch dem Piloten Raoul nach dessen Landung wie ein junges Reh entgegenspringt, unterlegt mit leicht dramatischer Musik, hüpft mein Herz mit.

Doch diese Bodenständigkeit ist selten so telegen wie bei unseren nördlichen Nachbarn: Wenn man zwei Stunden Sendezeit füllen muss, tut etwas Drama der Sendung nur gut. Etwas gewagtere Vorhaben mit ungewissem Ausgang sind als Zuschauer natürlich immer spannender als solche, bei denen alles relativ reibungslos funktioniert.

Vielleicht sind wir Schweizer wirklich etwas weniger verrückt. Oder man ist in der Schweiz etwas weniger darum bemüht, sich die etwas verrückteren Menschen fürs Fernsehen auszusuchen.

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© Screenshot SRF1

Nicole güxlet aus dem Fenster ihres Bastelwagens. Ein Traum geht für sie in diesem Moment in Erfüllung. Hach...

Ich hätte es durchaus begrüsst, etwas mehr Geschichten zu sehen, welche einen kompletten Lebenswandel herbeiführen. Etwas mehr Steine im Weg. Etwas mehr Schöpfergeist und Risiko. Etwas mehr «Ich eröffne eine Popcorn-Boutique in der Wüste Nevadas» oder «Ich werde jetzt eine weisse Bollywood-Tänzerin in Mumbai».

Wir Schweizer kochen anscheinend immer nur so lauwarm, wie gegessen wird. Das macht uns doch so liebenswert, auch wenn dies auf Kosten des Unterhaltungs-Faktors geschieht.