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Joëlle schaut fern

Joëlle Weil bloggt über die TV-Sendung der Woche.

So viel Aufregung um Lauwarmes beim «Tatort»

Unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil hat sich den Schweizer «Tatort» angeschaut. «Die Musik stirbt zuletzt» hiess der. Und sooo schlecht, wie alle gesagt haben, fand sie den gar nicht. Aber vielleicht hat sie auch einfach einen schlechten Krimi-Geschmack.
Joëlle Weil Blog
© ZVG

Die schlechteste aller «Tatort»-Folgen, urteilte man in Vorfeld. Gestern Sonntagabend gab ich mich dem Krimi auf SRF 1 hin und freute mich auf schlechte TV-Unterhaltung aus der Schweiz. Ich muss gestehen: Ich war voreingenommen.

Regisseur Dani Levy, 60, drehte in Echtzeit. Das heisst: ohne Schnitt! An einem Stück! Fand ich ganz toll. Ich hab vom Filmgeschäft ja gleich viel Ahnung wie von Anlageberatung. Vielleicht war meine nicht vorhandene Expertise Grund für meine Faszination des gewählten Erzählstils. Vielleicht aber fanden das auch Kenner toll. Ich auf alle Fälle konnte während der ganzen Folge nur daran denken, wie beschissen es doch bestimmt ist, wenn da jemand in dieser Art des Storytellings in der 75. Minute einen Fehler macht und man alles auf Anfang drehen muss.

Tatort
© Screenshot SRF1

Die Drohung zu Beginn der Folge. Sie war zwar nicht das Opfer. Dafür aber ihr Bruder. (Spoiler: Er hat doch überlebt. Mega schlechter Mord...)

Die Geschichte in Kürze: Während eines Konzerts des «Jewish Chamber Orchestra Munich» im KKL Luzern wird ein Orchestermitglied auf der Bühne vergiftet. Seine Mutter war diejenige, die dem reichen Konzertveranstalter zu Lebzeiten den Kampf angesagt hatte. Er habe Juden während des Holocaust für viel Geld in die Schweiz geschmuggelt und sich an deren Situation bereichert, ohne je alle wirklich gerettet zu haben. Auch ihre Eltern nicht.

Tatort
© Screenshot SRF1

Das Gift klebte an seiner Klarinette. Er musste das Konzert sofort verlassen, bevor er zusammenbrach und fast starb. 

Der arrogante Sohn des Veranstalters führte durch die Sendung, gestand die Tat, obwohl er sie nicht begangen hatte. Seine Mutter war es nämlich stattdessen. Am Ende lag die Mutter im Konzertsaal in Handschellen, der Sohn auch und er war es schliesslich, der dann aus dem Nichts eine Giftflasche zog, einen Schluck trank, dem Vater einen Mundkuss gab und ihn so ebenfalls vergiftete. Sohn tot. Alter reicher Vater tot. 

Tatort
© Screenshot SRF1

Sie hatten den Falschen. Warum er sich stellte, hab ich nicht ganz verstanden. Aber das kann auch an mir liegen. Im Zweifel für den «Tatort». 

Ich habe gehofft, dass es mehr Ratespiel in dieser ganzen Sendung gäbe. Etwas mehr Verwirrung für den Zuschauer, mitspekulieren, clever in die Irre geführt werden und sich dann freuen, dass man falsch lag. Stattdessen fand ich den Ausgang der Geschichte irgendwie wirr. Plötzlich alle tot. Päm. Finito.

Dennoch muss ich der Deutschen Presse, welche die Schweizer Produktion im Vorfeld zerfetzte, vorwerfen, etwas übertrieben zu haben. So schlecht war das doch nicht. Ich hab mir zwar nicht die Fingernägel vor Aufregung abgekaut, aber diese während der Sendezeit gefeilt hab ich auch nicht.

Interessant fand ich den Blick in das Konzert-Publikum: Es war ein «Wo ist Walter»-Spiel für Kenner der «Who ist Who in Zürich»-Szene. Irgendwie scheint es, als habe da eine PR-Agentur all ihre Klienten in schönen Kleidern vor die Kamera bestellt.

Tatort
© Screenshot SRF1

«Wo ist Walter?» bzw. «Wo sitzt die Züri-Prominenz?» Wie viele der Konzertbesucher kennen Sie? 

Was sagen wir also über diesen Sonntagabend? «Isch mal öpis Neus xi», wäre das passende Fazit. Und: «Isch no interessant kmacht xi.» Wird mich jetzt nicht zwingend um den Schlaf bringen, diese ganze Geschichte. Trotzdem würde ich dem Dani Levy auf die Schulter klopfen, würde ich ihn heute zufällig auf der Strasse antreffen.