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Joëlle schaut fern

Joëlle Weil bloggt über die TV-Sendung der Woche.

«Switzerland's Next Topmodel» ist ein Abklatsch des Originals

Unsere TV-Kolumnistin Joëlle Weil findet, dass Schweizer TV-Produktionen immer ein billiger Abklatsch des Originals sind. Ihre Meinung ändert sich auch bei der ersten Folge von «Switzerland's Next Topmodel» nicht. Leider. 
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© Screenshot ProSieben

Manuela Frey kann natürlich nichts dafür, dass sie so unfassbar jung ist. Ob eine 22-Jährige mit Heidi Klum, 45, mithalten kann, sei zu bezweifeln. 

Der Himmel weiss, warum jede Schweizer Fernsehproduktion einfach immer einen «Cheap-Touch» hat. Welche Sendung auch immer bei uns adaptiert wird, wirkt amateurhafter als das Original, kleiner und vor allem gespielter. Ich möchte wirklich nicht daran glauben, dass wir per se schlechteres Fernsehen produzieren als all unsere Nachbarn. Aber es scheint, als sei dies wohl unsere Unterhaltungs-Realität. Zu dieser traurigen Erkenntnis kam ich, als ich am Freitagabend die allererste Folge von «Switzerland’s Next Topmodel» auf ProSieben schaute.

Model Manuela Frey, 22, leitet die Castingshow. Zum Vergleich: In Deutschland sitzt Model-Übermutter Heidi Klum, 45, auf dem Chefstuhl der Jury. Manuelas Karriere will ich an dieser Stelle überhaupt nicht degradieren. Aber der Eindruck ist ein anderer, ob ein Nachwuchsmodel oder eines mit einer unfassbaren internationalen Karriere auf dem Stuhl sitzt. Dabei muss man fairerweise sagen, dass die Frey durchaus Fernseh-Potential bewiesen hat: Es gab den einen oder anderen Moment, wo sie mich natürlich und sympa dünkte. Aber die Glaubwürdigkeit einer Chef-Jurorin schwindet massiv, wenn sie als 22-Jährige fast Gleichaltrige beurteilt.

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© Screenshot ProSieben

Bruce Darnell 2.0? Das Model Papis Loveday sitzt bei «Switzerland's Next Topmodel» in der Jury. 

Weiter in der Jury sitzen die Mode-Blogger Carl Jakob Haupt und David Kurt Roth von «Dandy Diary». Aus Berlin kommen die beiden, reden Hochdeutsch. Ich will nicht das Haar in der Suppe suchen, aber wenn man sich schon die Mühe macht und eine Schweizer Casting-Show produziert, sollte man sich auch die Mühe machen, Schweizer in die Jury zu setzen. Das international erfolgreiche Männermodel Papis Loveday stellt die dritte Partei der Jury dar. Der Beigeschmack, dass auf Biegen und Brechen ein Pendant zu Bruce Darnell her musste, verliess mich während der ganzen Sendung nicht.

Hochdeutsch? Schweizerdeutsch? 

Während der ganzen Folge hüpfte Gastgeberin Manuela Frey zwischen Schweizer- und Hochdeutsch. Eine mich sehr störende Ambivalenz. Entweder verstehen die Jury-Mitglieder Schweizerdeutsch. Oder wenn dem wie in unserem Fall nicht so ist, sollte wenigstens so zusammengeschnitten werden, dass der richtige Eindruck vermittelt wird.

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© Screenshot ProSieben

Die 18-jährige Kandidatin Jéromie «musste» ja «ach so dringend» Haare schneiden. Guter Rat wäre teuer gewesen... 

Um den Drama-Faktor zu erhöhen, «mussten» einer Kandidatin bereits in der ersten Folge die Haare geschnitten werden. Dieses Heul-Theater um Haare geht mir generell auf die Nerven, auch bei «GNTM». Hier trieb es der Sender aber auf die Spitze: Die 18-jährige Jéromie hatte ihr langes Haar für eine Pumuckl-Frisur zu lassen. Da kann mir kein einziger Mode-Experte dieser Welt erzählen, dass man diesen zerstreuten Stufenschnitt auf irgendeinem Haute-Couture-Laufsteg antrifft.

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© Screenshot ProSieben

Mega fest Haute-Couture-Frisur... NOOOOT!

No Glam beim Hauptgewinn

Die eigentliche Produktion der Show schnitt in meinen Augen nicht sooooo schlecht ab. Das Zürcher Kaufleuten war professionell hergerichtet, die Jury sass nicht auf Holzbänken, die Kleider der Models waren auch total ok... Immerhin. Aber nun vergleiche man den Hauptgewinn der deutschen und der Schweizer Version: In Deutschland gibt’s einen Modelvertrag und bis zur letzten Staffel ein Cover-Shooting für das Cosmopolitan-Magazin. Etwas weniger Glam hingegen hat unsere Version: Ein Cover-Shooting für das «Friday»-Magazin. Nicht ganz dasselbe Statement. Mir schon klar, dass wir in der Schweiz weniger Hochglanzmagazine haben. Aber da hätte man sich das Cover-Shooting doch ganz sparen und stattdessen eine hammermässige nationale Kampagne anbieten können. Die aktuelle Lösung scheint mir etwas zu gesucht.

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© Screenshot ProSieben

Das Set - das muss man sagen - hat super ausgeschaut. Man kann ja nicht immer reklamieren, oder?!

Auch der Einzug in die Model-Villa am Ende der Sendung hielt ein künstliches Drama bereit: In diesem Monster-Schloss gabs für die jungen Frauen ein Bett zu wenig. Da konnte ich dann nur noch mit den Augen rollen... Nächste Woche kommt dann «das grosse Umstyling». Dann rolle ich weiter.