Jubel, Trubel, Blätterwald

Angelina in Braun

Medienbloggerin Silvia Tschui findet Flüchtlingshilfe natürlich wunderbar und notwendig. Angelina Jolie im Libanon stösst ihr aber eher sauer auf.

Es gab wahrlich Weltbewegenderes in der letzten Woche, aber irgendwie reichts jetzt in diesem Blog erst mal mit Amokläufen, Politik und Managersalären, deshalb nun was fürs Gemüt. Und zwar war unser aller liebste Samariterin mal wieder Flüchtlinge besuchen, diesmal syrische, im Libanon, genauer im Bekaa-Valley nahe der syrischen Grenze.

Nichts gegen humanitäre Hilfe, nichts gegen Starpower, eingesetzt, um die Öffentlichkeit auf - man setze wahlweise ein - hungernde Kinder/vergewaltigte Frauen/abgeschlachtete Robbenbabies/Umweltsünden aufmerksam zu machen. Und Frau Jolie müsste das Ganze ich-bin-die-neue-Mutter-Theresa-einfach-in-schön-Dings ja auch gar nicht durchziehen, es gibt ja genügend Celebrities, die hedonistisch ihr Vermögen verprassen, dabei keinerlei schlechtes Gewissen zeigen und denen wirfts auch keiner vor. So weit, so Blumenwiese und Hundebabies.

«Hm. Da hockt doch nun ein dickes ‹Aber› zwischen den Zeilen», denkt sich an dieser Stelle der aufmerksame User, und dabei denkt er richtig. Wer gibt nicht ab und zu einem Bettler was? Mir gibt bei dieser ganzen medial ausgeschlachteten Wohltätigkeit immer zu denken, dass nie Stiftungsbilanzen an die Öffentlichkeit gelangen (ausser, so viel ich weiss, bei Bill Gates). Wenn ich einem Junkie einen Fünfliber in die Hand drücke und gleichzeitig auf meinen Lohnausweis schaue - nun, ich kann mir vorstellen, dass dies einigermassen dem Verhältnis des Jolie-Pitt-Vermögens zur Jolie-Pitt-Stifung entspricht. Und dann geht einem dieses ganze Ich-jette-um-die-Welt-und-tue-Gutes-Getue recht auf den Wecker. Vor allem, sieht man sich obenstehendes Bild genauer an. Was ging da wohl im Vorfeld ab? Vielleicht so:

Angelina Jolie: «Was soll ich bloss anziehen für die Syrienflüchtlinge?»
Angelina Jolies Stylistin: «Brown. It'll be great! Kann man sich in Staub und Erde setzen, fallen etwaige Flecken, die man sich holt, nicht so auf. Ausserdem denkt jeder sofort: Earth Mother! She's just so good! Super Konnotationen mit braun. Kommt auch super auf dem Bild, seriously.»
Angelina Jolie: «Sind das nicht Muslime, sollte ich da...»
Stylistin: «Sure, Kopftuch! A must!»
Angelina Jolie: «Perfect! That's how we roll! Ich werde mal wieder derart culturally aware rüberkommen!»
Stilistin: «Tops. Ich geh mal eben zwei Leintücher färben!»

Später dann:
Syrische Kinder, die extra das coolste T-Shirt, das ihnen geblieben ist, anhaben: «Warum ist diese Frau angezogen wie meine Urgrossmutter, wenn sie Ziegen gehütet hat?»
Angelina Jolie: «What do they say?»
Dolmetscherin: «Sie sagen: ‹Danke, lieber Superstar, dass du uns besuchen kommst, du bist so schön!›»

Angelina Jolie kritzelt lächelnd etwas auf ihren Zettel. Ist Ihnen, lieber User, übrigens schon aufgefallen, dass Angelina Jolie bei diesen Flüchtlingsbesuchen stets einen Notizblock und einen Stift bei sich trägt? Achten Sie sich mal. Egal, weiter im Text:

Syrisches Kind: «Guck mal, die Ärmchen. Die Ärmste! Ich dachte immer, im Westen gäbe es richtig viel zu essen!»
Syrisches Kind 2: «Sollen wir ihr ein Brötchen anbieten?»
Angelina Jolie: «What do they say?»
Dolmetscherin: «Sie sagen: ‹Es wird jetzt für uns bestimmt alles besser, nachdem Du hier warst!›»
Angelina Jolie: «Aww, how cute!»

Angelina Jolie kritzelt etwas auf ihren Zettel. Ich spekuliere mal frei über den Inhalt: «Cute kid on the right. Ask personal assistant to enquire about possible adoption!»

Nein, wirklich jetzt: Ich war zweimal im Libanon und einmal im Bekaa-Valley. Niemand läuft dort so rum. Zum Vergleich: Als nächstes könnte Angelina Jolie doch ein SOS-Kinderdorf in der Schweiz besuchen kommen. Es wäre aber wichtig, dass sie zur rechten Zeit eine Schweizer Tracht von anno 1850 besorgt. Käme aber auch super auf dem Bild. Very culturally aware.

Als letzter Satz eine Danksagung: Dieser Blog ist hauptsächlich gar nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern auf dem zweier Freundinnen: Und zwar der lustigen Simone Pengel und Kati Seibert. Love you!

Alle «Jubel, Trubel, Blätterwald»-Blogs von Silvia Tschui finden Sie im SI-online-Dossier.