Jubel, Trubel, Blätterwald

Brechendes Grauen

Es liegt zurzeit eine gespenstische Stille über den Schweizer Städten, begleitet von einer olfaktorischen Leere. Oh, Nachwuchsblüten, oh, kichernde Teenager-Mädchen mit seidigen Haaren und Erdbeerlipglossduftwolke, wo seid Ihr hin?

Ah ja. Und, klar: Uff. Nun ist ja die ganze «Twilight»-Chose dann bald durch; der letzte Teil «Brechendes Morgengrauen» endlich in den Kinos, Robert Pattinson wird angeschmachtet. Obwohl, Robert Pattinson? Warum wollte Kristen Stewart den überhaupt derart verzweifelt zurück? Seriously? Sieht der nicht einfach, ein bisschen, ühm, eher hirntot aus als aufregend untot?

Und dann dieses Vampirdings, anscheinend die ideale Projektionsfläche teenage-repressiv-sublimierter Sexualahnungen, muss das nicht unverständlich bleiben? Klar, ewige Jugend, Schönheit, et cetera. Aber man stelle sich doch bloss Vampirsex einmal etwas realistischer vor. Kaufen Sie sich beispielsweise ein Huhn, ein abgepacktes, beim Detailhändler Ihres Vertrauens, vorzugsweise Bio. Lassen Sie das Huhn ruhig ausgepackt ein, zwei Stunden bei Zimmertemperatur, nun, temperieren.

Ältere Semester können sich in einem zweiten Schritt gerne Brad Pitt oder Angelina Jolie in ihrer Prime vorstellen, während sie sich dem zimmertemperierten Huhn nähern. Jüngere bleiben halt bei Robert und Kristen. Whatever rocks your boat. Wunschsexualpartner visualisiert? Nun denn: Augen zu, vorbeugen, Huhn küssen. Nicht mit Zun-!!... Uäääkk!

I rest my case, Intimität mit Untoten: rein körpertemperaturbedingt schwierig. Und jemanden dauernd vorher stundenlang in die Heizdecke wickeln: auch unsexy. Und dabei haben wir von Funktionsstörungen noch nicht einmal gesprochen, braucht es doch normalerweise eine Pumpfunktion des schlagenden Herzens um männliche niedere Regionen - ach, Sie wissen schon. Kein Herz, nichts in der Hose. Vielleicht wars ja auch Absicht der Autorin. Stephenie Meyer, die J.K. Rowling des Vampirgenres, ist ja bekennende Mormonin, da ist es wohl umso besser, wenn unter der Gürtellinie eigentlich nicht richtig etwas läuft. Ausserdem bekennt sie freimütig: «Ich habe Vampire nicht recherchiert.» Ich bekenne genauso freimütig: «Ich habe die Filme nicht gesehen.» Ein Buch der Serie hat gereicht, vielen Dank. Für Menschen, die Vampire trotz aller Einwände super finden wollen, hier die Serien zum Thema mit, Verzeihung für das nur knapp untote Wortspiel, Biss:

Being Human, ursprünglich, wie viel Gutes, eine Produktion der BBC. Die US-Version der absurden Story über eine WG eines Geists, eines Vampirs und eines Werwolfs wurde auf Deutsch übersetzt und läuft seit dem 16. August jeden Donnerstag um 21 Uhr auf sixx. Für Freunde britischen Humors.

True Blood, muss man dazu noch etwas sagen? Sex, Drugs, Rock'n'Roll und lustig ists auch noch. Am besten Originalton schauen, damit man die schönen Südstaatenakzente mitkriegt. Läuft irgendwann nächstes Jahr wieder auf RTL 2 - und die Warterei ist grauenvoll! Die dazugehörigen Bücher von Charlaine Harris «The Southern Vampire Mysteries» kann man getrost vergessen, die TV-Serie ist ausnahmsweise viel besser als die Romanvorlage.

Um zum Schluss kurz noch vom Thema abzuweichen: Man erinnere sich an den Film «Kevin - Allein zu Haus» und die Vornamensstatistik in der Schweiz für Jungennamen ab so 1990. Ich sag nur: Weia. Lasset uns hoffen, es gebe in kommenden Jahren keine Schulklassen, in welchen sich folgendes Horrorszenario abspielen muss:

Erster Schultag, Pausenplatz.

- Hoi, wie heissisch?
- Bella, und du?
- Scho wieder, i oisere Klass hätts au zwei Bellas. Ich heiss Renesmee.
- Dis Mami au «Twilight»-Fan gsi?
- Ja. Cha mich öpper bitte pfähle?

Zuallerguterletzt ist es immer schön, jedwelchen Artikel mithilfe eines Zitats eines dubiosen US-Wissenschaftlers vorzugsweise mit unaussprechlichem Namen anzureichern: Die Milchbüechlirechnung von Physikprofessor Costas Efthimiou der University of Central Florida in Orlando spricht der Menschheit die Überlebenschance ab, hätte es auch nur einen Vampir gegeben: In 1600, als die ersten Vampirgeschichten auftauchten, lag die globale Population bei 537 Millionen Menschen. Hätte ein Vampir einmal pro Monat gebissen und gesaugt, gäbe es im nächsten Monat zwei, im übernächsten vier, im übernächsten sechzehn und in zweieinhalb Jahren dank der mathematischen Funktion der Exponentialität keine Menschen mehr, sondern 537 Millionen Vampire. Guetnacht.