Jubel, Trubel, Blätterwald

Hurra, wir leben noch!

Die «danse macabre» der Vorweihnachtszeit ging bis zum bitteren Ende weiter. Was haben eigentlich all die Leute gemacht, die fest damit gerechnet haben, ums Geschenkekaufen rumzukommen, weil die Welt füglicherweise am 21. hätte untergehen sollen? Muss ein epischer Stress gewesen sein, noch vom 22. an all die Socken, Kravatten und Handschuhe aufzutreiben!

Und sonst halt so: Telefonat am 23.

- Hoi Mami, ich habe leider kein Weihnachtsgeschenk dies Jahr.
- Scho guet. Äh, warum nicht?
- Ja eben, denk, ich meinte, die Welt sei, du weisst schon. Darf ich trotzdem zur Gans mit Rotkohl kommen? Also, falls ich noch rechtzeitig von meinem Hügel in Frankreich runterkomme? Merci, gäll.

Richtige Hardcore-Weltuntergangsgläubige werden sich aber nicht einfach mit einem Achselzucken von der potentiellen Apokalypse ab- und einer Weihnachtsgans zuwenden. Es schwirren ja auch derart viele Theorien durchs Netz, dass sich jeder seinen persönlichen Weltuntergang ganz nach Gusto aussuchen kann. Wissenschaftlich orientierte Katastrophensehnsüchtler glauben dann wahlweise an den bevorstehen Ausbruch eines Supervulkans, eine magnetische Umpolung der, nun, Pole, üble Solarstürme oder an globale Pandemien. Esoteriker wedeln je nach quasireligiöser Ausrichtung gern vergeistigt mit dem Buch der Apokalypse, mit dem vedischen Zyklussystem oder sogar mit dem I Ching. 

Wie sieht aber eigentlich so ein Weltuntergang überhaupt aus? Lassen wir mal Satan, Christen und die physikalischen Szenarien beiseite und finden Zuflucht in der indischen Mythologie: Dort soll das Zeitalter der Kali bald bevorstehen und das bedeutet laut den Veden: «Furchtbare Dürren und Plagen sind überall, Hunger und Angst regieren. Nationen bekriegen sich kontinuierlich. Menschen in diesem Zeitalter sind faul, gierig und hinterlistig (…)». Hm. An den meisten Orten, an welchen man sich auf dieser Welt zu diesem Zeitpunkt befinden kann, ist selbige also schon längst untergegangen - Dürren in Australien und Afrika, Hedonismus im Westen, gierige Manager in den Staaten und Europa, Krieg und Revolutionen in Arabischen Ländern, in Russland erfrieren sie massenweise, kennen wir alles. Es dürfte recht schwierig sein, einen Flecken zu finden, auf den nichts der bösen Prophezeihung zutrifft. Hierzulande lebt es sich glücklicherweise trotz Untergang einigermassen trefflich. 

Umso seltsamer die geradezu hobbymässige zyklische Weltuntergangseuphorie, welche sich ja eher in den postindustrialisierten Bereichen unserer Welt manifestiert. Oder haben sie schon mal von einer arabischen oder afrikanischen Doomsday-Sekte gehört? Eben. Woher dieses wohlige sich-gerne-in-Katastrophengedanken-suhlen wohl stammt? Ich gebe an dieser Stelle zu, dass Vorweihnachtspunsch und serielles Geschenke einpacken meinen Verstand gerade eher schneckenhaft funktionieren lassen. Freund Google hilft weiter: «Psychology of Apocalyptic Theories» als Schlagwort eingegeben spuckt einen schönen Text von «Scientific American Mind» aus, den ich Ihnen in seiner Essenz nicht vorenthalten will. 

In einem, zugegebenermassen recht langen, Satz: Wer von einer (natürlich bombensicher eintrefffenden) Apokalypse weiss, ist erstens mit überlegenem Wissen ausgestattet, also quasi auserwählt, überlebt deshalb höchstwahrscheinlich und kann deshalb dann postapokalyptisch in einer neuen, «purifizierten» Welt zu den guten, einfachen Dingen des Lebens zurückfinden. Es handelt sich also bei Menschen mit Weltuntergangsglaube als liebstes Hobby hauptsächlich um verunsicherte Nostalgiker. 

Apropos gute, einfache Dinge und Nostalgie: Ich hoffe, mein Mami macht am 25. eine Gans. Frohe Weihnachten!