Jubel, Trubel, Blätterwald

Kinski, Kinder, zum K…..!

Silvia Tschui fragt sich, was mit unserer Gesellschaft los ist, die berühmte Männer feiert, obwohl die ihre Hände nicht von Kindern lassen können.

«Ich brauchte ihn noch für ein paar Szenen, deshalb lehnte ich ab.» Regisseur Werner Herzog bekam während der Dreharbeiten zu «Fitzcarraldo» ein unmoralisches Angebot: Ob sie Klaus Kinski für ihn töten sollen, fragten Mitglieder des südamerikanischen Stammes, der für den Film verpflichtet war, den Regisseur. Dass der Mann also, um hier stärkere Kraftausdrücke zu vermeiden, ein Ekel und Psychopath erster Güte war, ist  hinlänglich bekannt. Dass er auch ein Kinderschänder gewesen sein soll, weiss man erst seit vergangener Woche. Sie habe es nicht mehr ertragen, wie ihr Vater posthum glorifiziert wird, liess Kinskis Tochter Pola anlässlich ihrer Vorwürfe verlauten. Von fünf bis neunzehn habe ihr Vater sie begrapscht, intim geküsst und vergewaltigt, stets von Neuem, und ihr eingetrichtert, das sei alles «ganz normal, alle Väter würden…». 

Nun ist Kinski lange tot. Das Phänomen, berühmte Männer mit einem Pädophilieproblem zu glorifizieren, hüpft jedoch quicklebendig durch die Medienlandschaft und zeigt jedem, der auch nur flüchtig hinguckt, seine hässlich grinsende Fratze. 

Wie war das nochmals mit Roman Polanski? Das Zurich Film Festival ehrte ihn mit einem Preis für sein Lebenswerk. Schweizer Behörden nahmen ihn bei der Einreise fest und verweigerten die Auslieferung an die USA. Berühmtheiten von Whoopy Goldberg - «it wasn't rape-rape» Hä? - bis David Lynch verteidigten den Regisseur, der 1977 eine 13-Jährige mit Alkohol und dem Betäubungsmittel Quaaludes gefügig, respektive halb bewusstlos machte, und danach Sex mit ihr hatte. Polanski floh vor seinem Haftbefehl und lebte jahrelang unbehelligt in Frankreich. Und in der Schweiz. «Aber die Filme!», schreit da ein halbdebiles Publikum, welches dem Mann, zumindest am Zurich Film Festival, eine Standing Ovation für sein Lebenswerk bescherte. 

Perspektivenwechsel. Lasst uns mal eben das Verbrechen und die Personen tauschen: Ich wär jetzt also kurz Polanski. Statt ein Kind zu vergewaltigen, was mir als Frau nicht nur rein körperlich einigermassen schwer fiele, sagen wir mal, ich überfahre eines. Ich begehe – natürlich! – Fahrerflucht und schreibe später vielleicht ein paar Bücher, die einschlagen. Eine Dekade später kontrolliert mich Law and Order. Und dann? 

- Ich:  «Jaahaa, Herr Polizist, ich hab das Kind zwar schon überfahren, aber luegen Sie mal, hier, auf Seite 154 meines erfolgreichen Buches, ist das nicht ein besonders schöner Satz? Die Wortwahl! Ist das nicht ergreifend? Toll, nicht?» 
- Polizist:  «Ohja, ohja, ganz wunderbar! Darf ich Ihnen über den Kopf streicheln?»
- Passant: «Ist das nicht Starautorin Tschui?» Zu anderen Passanten: «Hat jemand Fanfaren dabei? Das ist Starautorin Tschui! Schaut! Lasst uns sie ehren! Und lobpreisen!» 
- Ich: «Soll ich Ihnen Ihr Buch signieren?»
- Polizist und Passanten: «Danke! Vielen Dank! Wow! Und das Kind ist jetzt zwar gelähmt, aber ist ja auch schon lange her, gellen Sie, da lassen wir jetzt mal fünf gerade sein, momoll, ist schon gut, ehrlich!  Auf Wiedersehn und Danke, tausend Dank!»

Immerhin könnte Polanski noch belangt werden. Kinski ist schon lange tot.