Jubel, Trubel, Blätterwald

Leave Kampusch alone!

Natascha Kampuschs Leben wurde verfilmt. Medienbloggerin Silvia Tschui schämt sich angesichts der Kampusch-Berichterstattung für sich selbst und für ihren Berufsstand.

Keine Frage, Ungereimtheiten gibt es im Fall Kampusch zuhauf. Der ominöse zweite Entführungstäter, für den es eine Zeugin gibt - von Frau Kampusch stets abgestritten. Der genauso ominöse Selbstmord des Entführers Priklopil (er soll auf den Bahngleisen gemäss neusten Ermittlungen geradezu «drapiert» worden sein) - nie richtig aufgeklärt. Der «Suizid» des Chefermittlers, der zuvor vom Fall weggepfiffen wurde - sehr dubios. Ich könnte die Liste recht lange weiterführen: Ich muss eingestehen, die Berichterstattung zum Fall Kampusch regelrecht «verschlungen» zu haben, ich fand auch die Aufarbeitung von «20 Minuten» eines der besten Stücke schweizerischen investigativen Journalismus' der letzten Jahre. Ehre, wem Ehre gebührt.

Trotzdem reicht es jetzt langsam. Das Interesse an den dreckigen Details des Entführungsfalls kann eigentlich nur noch als widerliche Sensationsgeilheit bezeichnet werden - ich schliesse mich hier nicht aus, trotzdem schäme ich mich. Was hat es uns zu interessieren, ob Frau Kampusch in jedem letzten Detail die Wahrheit sagt? Ob sie ein Kind geboren hat im Verlies? Wie die sexuelle Beziehung der beiden genau war? Ob und warum sie stets ein Bild des Täters auf sich trägt?

Hallo, gesunder Menschenverstand!

Es braucht nun wirklich kein Psychologiestudium; um sich Folgendes vorzustellen, reicht eine einzelne, halbwegs funktionierende Hirnzelle: Man denke mal an die eigene Kindheit, vor allem Pubertät zurück. Wie begierig hat man als halbwegs intelligenter Mensch alles aufgesogen, was man in die Hände gekriegt hat? An neuen Menschen, an Musik, an Literatur, an kulturellen Erzeugnissen schlechthin? Ich für meinen Teil zehre wohl immer noch von der Wildheit und der unbändigen Wissbegierde, die mich von so 12 bis vielleicht so 22 regelrecht getrieben hat. Man wird ja leider träger mit dem Alter, dies aber nur am Rande.

Und jetzt nimmt man einen nicht bloss halbwegs, sondern, wie mir scheint, recht intelligenten Menschen, nimmt ihm alles ausser einer einzigen Bezugsperson. Und all das Sehnen, all die Wissbegierde, alles Drängen nach Neuem, nun, man braucht nicht einmal Stockholm-Syndrom zu googeln, um anzunehmen, dass diese Person diesem Menschen wohl bald alles ist: verhasster Unterdrücker und widerliches Schreckgespenst ja, aber wohl gleichzeitig Elternersatz, Bruder, Freund, und schliesslich Sexualpartner. Bei aller Abscheulichkeit: Wie sollte das denn anders sein? Und stellt sich dabei irgendwer bei rechtem Verstand vor, Frau Kampusch würde nach ihrer Flucht tatsächlich sagen: «Der hat mich zwar entführt und vergewaltigt und eingesperrt, aber so über die Jahre hab ich ihn neben dem ganzen Hass eigentlich auch recht lieb gewonnen, wissen Sie!» Man stelle sich den Medien-Shitstorm vor! Get real!  

«Aber sie zieht einen Vorteil daraus! Sie will ja in den Medien sein! Die Interviews! Das Buch! Der Film!», hört man da hässliche Stimmen quäken. Abgesehen davon, dass es pervers und verquer ist, das Opfer so zu einer Art «Täterin» umzudeuten - man könnte jetzt noch eine weitere Abhandlung darüber schreiben, weshalb das wohl in unserer medialen Welt nötig ist, aber dafür fehlt mir nun wirklich das psychologische Fachwissen - antworte ich: Good on her!

Hoffentlich schlägt sie ein Millionenvermögen aus ihrer Geschichte, hoffentlich steht sie zum Schluss wenigstens finanziell so richtig flockig da. Denn Frau Kampusch wird wohl alles unmöglich bleiben, was wir als normal ansehen: Sich ab und zu mit Freunden bei einem Bier austauschen (wie macht man sich Freunde, wenn man nie die Chance auf eine einigermassen normale Sozialisierung hatte?), sich über die Arbeit freuen oder ärgern (wer stellt wohl Frau Kampusch ein?), sich mit dem Lebensparter kabbeln und wieder versöhnen, sich mit seiner Familie treffen (welcher Vater, welche Mutter schreibt ein Buch über sein traumatisiertes Kind und wirft es so Skeptikern zum Frass vor? Die Eltern Kampusch, gleich alle beide. Ekelhaft, die ganze Bande!).

Und wenn Frau Kampusch auch mit der «Wahrheit» ganz nach ihrem Gusto umgeht, soll sie. Wahrheit ist sowieso ein subjektiver und recht dehnbarer Begriff, und Frau Kampusch hat wohl harte Arbeit hinter und vor sich, sich eine Wahrheit zu zimmern, mit der sie selber halbwegs leben kann. Ich für meinen Teil wünsche ihr dabei und überhaupt bei allem viel Glück, selbst wenn sie noch hundert widersprüchliche Interviews geben sollte.

Alle «Jubel, Trubel, Blätterwald»-Blogs von Silvia Tschui finden Sie im SI-online-Dossier.