Jubel, Trubel, Blätterwald

Lieber Herr Vasella

Der öffentliche Druck war zu gross. Daniela Vasella verzichtet auf seine 72-Millionen-Entschädigung. Bloggerin Silvia Tschui hat einige Vorschläge, wie sich der abtretende Verwaltungsratspräsident von Novartis als Gutmensch hätte profilieren können.

«Hui!», ein kaltes Händchen griff wohl kürzlich urplötzlich nach Herrn Vasellas gierigem Herzen, «der 3. März naht, trete ich danach zurück, wird eine eventuelle Abfindung wohl als kriminell eingestuft. Da ists doch besser, après-moi-le-déluge-mässig noch überstürzt die zweiundsiebzig Schäfchen ins Trockene zu kriegen - auch wenn die Volksseele kocht und Manager nach mir verhältnismässig am Hungertuch nagen werden.» Denn es zeichnet sich ab, dass die Vasella-Geschichte das Zünglein an der Waage spielt, welches der Minder-Initiative, respektive Abzocker-Initiative am 3. März zur Annahme verhelfen wird. 

Ich habe an dieser Stelle ja bereits vor zwei Wochen zugegeben, dass ichs nicht so mit der Politik habe. Ehrlich gesagt: Mit der Wirtschaft hab ichs auch nicht so, trotz abgeschlossener Wirtschaftsmatura. Die Abfindung des Novartis-Verwaltungsratspräsidenten Daniel Vasella (ZWEIUNDSIEBZIG! FRIGGIN! MILLIONEN! FRANKEN!) treibt aber sogar einen Politmuffel wie mich auf die Barrikaden, respektive immerhin auf die Webseite des Bundes. Wie geht diese Abzocker-Initiative genau? Und was sind die Gegenargumente? Es folgt: Die Abzocker-Initiative für Polit-Dummies (politisch versierte Leser, die sich über Herrn Vasella ärgern, können getrost die nächsten Absätze überspringen und nach Lust und Laune zuunterst über Meister Gierschlund weiterlesen). 

Um Dreistigkeit wie der des Herrn Vasella künftig einen Riegel vorzuschieben, will die Initiative, dass die Generalversammlung, also die Aktionäre, in Zukunft bestimmt, wie und in welcher Höhe Vergütungen an Verwaltungsräte und die Geschäftsleitung vergeben werden. Bis anhin konnte das der Verwaltungsrat ja selber. Schon noch seltsam, wenn «Angestellte» selber die Höhe ihres Lohns bestimmen - eigentlich ja eher eine marxistische Idee, doch dies nur am Rande. Wichtig ist auch der Absatz b) der Initiative - im Wortlaut: 

«Die Organmitglieder erhalten keine Abgangs- oder andere Entschädigung, keine Vergütung im Voraus, keine Prämie für Firmenkäufe und -verkäufe (…). »

So weit, so gut. Gegner der Initiative haben aber natürlich ihre Argumente parat. 

Bonuszahlungen seien in der Initiative nicht berücksichtigt - ähm, Entschuldigung, läuft das nicht unter dem Wortlaut «oder andere Entschädigungen»? Ich könnte mich aber auch täuschen. Ausserdem seien nur Unternehmen betroffen, welche an der Schweizer Börse notiert sind, alle anderen müssten sich nicht an eine  Gesetzesänderung halten. Und das letzte Kontraargument, natürlich aus dem SVP-Lager: Wirtschaftsfeindlichkeit. Die besten Manager gingen halt ins Ausland, wenn sie in der Schweiz keine Megasuperduperlöhne und Boni und Abfindungen kassieren. Ach wei! Ach weh! Wirtschaftsstandort Schweiz ade! 

Zu diesen letzten zwei Argumenten ist zu sagen: Im Kindergarten bin ich auch nie durchgekommen, wenn ich gegreint habe: «Die anderen haben aber auch…» Gopfriedstutz nochmal, setzt mal einen Punkt! Bloss weil andere einem komplett pervertierten Kapitalismus keinen Riegel vorschieben, bedeutet dies nicht, dass mans selber nicht kann. Es geht bei der Initiative auch darum, ein Zeichen mit internationaler Ausstrahlung zu setzen. 

Nun, weiter mit Herrn Vasella. Hat er nicht irgendwann in den Medien mal, bevor er sich entschieden hat, ganz auf die Abgangsentschädigung zu verzichten, was von «Spenden» gebrösmelt?

Lieber Herr Vasella, schade eigentlich, können Sie nun die 72 Millionen nicht für sinnvolle Dinge einsetzen. Sie hätte noch achtundzwanzig aus ihre Privatvermögen drauflegen und damit zeigen können, dass sie ein guter Mensch sind. Das hätte Ihnen nicht weh getan, denn gemäss Medienberichten sollen Sie ungefähr eine halbe Milliarde unter Dach und Fach haben. Es gäbe nämlich wahrlich viel zu tun. Einige Vorschläge, so on top of my hat- für den Fall, dass sie irgendwann doch noch über so viel Kohle verfügen: 

  • Befreien Sie das Meer von Plastik. 
  • Kaufen Sie das Einzugsgebiet des Amazonas und retten Sie den dortigen Regenwald.
  • Kaufen Sie Wasserquellen und Einzugsgebiete von Grundwasser, welche Sie wiederum in Stiftungen überführen, um sie der Spekulation zu entziehen.
  • Investieren Sie in erneuerbare Energien. 
  • Vergeben Sie Kleinkredite an indische Frauen. 
  • Investieren Sie in Bildung. 
  • Liefern Sie billige Generika an Drittweltländer - ach nein, Sie sind ja noch Grossaktionär von Novartis, gellen Sie, da würden Sie sich ja wieder schaden. 

Alle «Jubel, Trubel, Blätterwald»-Blogs von Silvia Tschui finden Sie im SI-online-Dossier.