Jubel, Trubel, Blätterwald

Oh, Django!

Gewalt! Blut! Schweiss! Tränen! Und über allem: die Liebe - Medienbloggerin Silvia Tschui über Quentin Tarantinos neuen Film «Django Unchained».

Taugt der Film? Das amerikanische Box Office sagt: «Oh yes!» 130 Millionen Dollar spielte das Sklaven- und Racheepos bis anhin ein. Ich sage auch: «Oh yes!» Ich habe gestern extra für Sie gekuckt, liebe User, ich habs nämlich sonst nicht ganz so mit den Gewaltorgien.

Kleiner Exkurs: Quentin Tarantino machte nach langer Durststrecke John Travolta wieder hip, gab der vergessenen 70er-Jahre-Grösse Pam Grier ihren Platz im Scheinwerferlicht zurück und liess dabei stets Köpfe rollen und spektakulär Blut spritzen. Nun hat der Grossmeister des Comebacks in seinem grandiosen Spaghettiwestern diesmal kaum Unbekannte gecastet. Er sorgt so für sein eigenes fulminates Comeback, waren doch die letzten Filme, nun ich finde: «Hm.» Bei «Inglourious Basterds» bin ich jedenfalls eingeschlafen, habe dank Erkältung sogar geschnarcht und musste im Kino dezent von der Begleitung in die Seite gemüpft werden. «Grindhouse»? Ausser dem Plakat mit dem Maschinenpistolenbein - kein Plan mehr, was da wie warum die Story war. So, fertig Exkurs, aber jetzt! Aber hu! Aber ho!

Nur schon das Line-up hat es in sich: Leonardo DiCaprio, Samuel L. Jackson, Jamie Foxx, Don Johnson und Christoph Waltz legen allesamt Performances hin, die einem das Blut im Leib gefrieren lassen. Ganz kurz: Es geht um einen Sklaven, Jamie Foxx, der mithilfe eines deutschen Kopfgeldjägers - Waltz - seine Frau aus den Fängen eines sadistischen Sklavenhalters, gespielt von Leonardo DiCaprio, rettet. Letzterer, im richtigen Leben ein wenig aus dem Leim geraten, setzt genau diese Ambivalenz einer von leichter Aufgedunsenheit korrumpierten glatten Oberfläche so ein, dass man sich schüttelt vor Ekel. Jamie Foxx und Christopher Waltz sind grundsolide als seltsame Schicksalsgemeinschaft, es sind jedoch die Nebenrollen, die den Film trotz einiger Plotlöcher unvergesslich machen. Neben DiCaprio ist es vor allem Samuel L. Jackson, DiCaprios Sklave und Butler, der alle anderen blass aussehen lässt. Aggressiv stockholmsyndrommässig loyal zu seinem moralisch korrupten «Herrn», mit einem Blick, der einen das Fürchten lehrt, hinkend und einem parkinsonartigen Zittern, ist er der furchterregendste Charakter des ganzen Films. Niemand terrorisiert die ihnen unterstellten Skalven psychologisch grausamer, niemand spuckt das Wort «Nigger» aggressiver aus. 

Es ist wohl dieser hundeartig servile und dabei tödlich bissige Charakter, der einige Kritiker wie Spike Lee dazu veranlasst hat, Tarantino Verrat an der Geschichte der schwarzen Bevölkerung vorzuwerfen. Dabei bekomen alle ihr Fett weg: Eine der absurd lustigsten Szenen ist die Begegnung des Heldenduos mit dem Ku-Klux-Klan, angeführt von Don Johnson. Haben Sie sich, lieber Leser, schon einmal vorgestellt, wie es ist, mit einem Leintuch über dem Kopf eine Attacke zu reiten? Hingehen! Ansehen!

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