Jubel, Trubel, Blätterwald

Tanten, Twitter und Sexismus

Die Twitter-Debatte über alltäglichen Sexismus ist zu undifferenziert, findet Medienbloggerin Silvia Tschui. Sie wünscht sich andere Aufschreie.

Verfolger deutscher Medien sowie Menschen mit Twitter-Account konnten letzte Woche wohl nicht umhin, der Neulancierung des Genderthemas schlechthin beizuwohnen: Sexismus im Alltag. Ich habs nicht derart mit der Politik, deshalb bloss kurz: FDP-Politiker Brüderle, junge Journalistin, Herrenwitze, grosse Empörung allenthalben. Wer nachlesen will, hier der Artikel aus dem Stern, der den Stein ins Rollen brachte. Seither läuft Twitter heiss. Unter dem Hashtag #aufschrei empören sich scharenweise Frauen und schildern ihre alltäglichen Erfahrungen mit alltäglichem Sexismus. 

Kurz zurückgedacht.  

Als erstes mein ältlicher Buchhaltungslehrer am Gymnasium anfangs der 90er-Jahre. Furrer hiess er. Mit feuchter Aussprache unter schütterem Haar schürzte er jeweils seine babyartig vollen Lippen und liess rotgesichtig, nasal und mit scharfen Ess's und rrrollenden Err's seine «Tante Schuggi, die Ssexshopbesitzerin» mithilfe von «kriminellen Elementen» («Schwule und Fixxxer und Prrrrostituierte») ihre Bilanzen frisieren. Auch Bestände, Aufwand und Ertrag anhand der körperlichen Vorzüge oder Nachteile der schüchternsten Mitschülerin zu erklären - «zeigen Sie mal vorne, jaaaa, gutterrr Bestand, zeigen Sie mal hinten, jaaa da müsste man jetzt ins Fitnessssstudio, das wäre dann der Aufwand...» - gehörte zu seinen didaktischen Methoden. Meldungen beim Rektor brachten nichts. Vergessen werde ich einige Feinheiten der Bilanzierung jedoch auch nie. 

Als nächstes kommt mir eine Episode als junge Journalistin in den Sinn. Es galt, Boxer zu interviewen in der ostdeutschen Pampa, es gab reichlich Wodka. Plus später einen bekannten Sportfernsehmoderatoren, der sich nächtens äusserst leichtbekleidet in meinem Hotelzimmer «wiederfand» und nur durch die Drohung, gleich laut zu schreien, zum Gehen zu bewegen war. Immerhin weiss ich jetzt, wie ein Suspensorium aussieht. Männliche Leser! Lassen Sie sichs gesagt sein: Suspensorium? Nein! Suspensorium unter leicht hängendem Bierbauch? Noch neiner! 

Das wars auch schon mit der Chronologie, dazwischen lagen jahrelange Sprüche und Vorfälle auf der Strasse. Unvergessen der Mann auf dem Bahnhof Schlieren, für den ich so richtig parat war: Frisch Tagi gekauft, eingeschlagen gehalten, es folgt ein unerwarteter Griff an den Po. Umgedreht, Tagi geschmettert, Brille fliegt ins Gleis, Mann zieht schockiert ab. Ich freute mich den ganzen Tag. 

Während nun weder Exhibitionisten morgens um sechs an der Bahnhofstrasse noch Frotteure im 7er-Tram noch Menschen mit Tourette, die einem aus nächster Nähe das F-Wort ins Gesicht spucken, erfreulich sind, so stört mich doch einiges an der aktuellen Debatte. Ich erlaube mir, noch ein klitzeklein bisschen auszuholen. 

Letzthin lief ich mit einer rund zehn Jahre glattgesichtigeren Bekannten durch die Strassen. Männer wie auch Frauen sahen ihr einen Moment lang ins Gesicht, es gab auch einige spontane Komplimente wie «schöne Stiefel!» oder ähnlich. Mich packte einen Moment lang eine grauenvolle Erkenntnis: Früher habe ich mich über derartige ungewollte Aufmerksamkeit geärgert. Und ich habe mich deshalb schon lange nicht mehr darüber geärgert, weil diese Aufmerksamkeit unmerklich und schleichend abgenommen hat. Wann hat mir zum letzten Mal jemand spontan auf der Strasse eine Rose geschenkt? Ewig her! Weia! Kind ausgetragen, knittriger, etwas schwerer, die Brüste hängen tiefer, der Zahn der Zeit hat etwas genagt und schon schlägt einem keine Welle der Sympathie mehr entgegen, bloss weil man frisch aussieht. Und es ist doch so: Junge Frauen sind oftmals schön und Menschen sehen sich gern schöne Dinge an. Ich mache auch gerne Komplimente, wenn ich finde, dass jemand gut aussieht. Sollen Männer das nicht dürfen? Sind sie deshalb per se böse und übergriffig? Schönheit ist eine Währung und der Zahltag heisst Aufmerksamkeit. 

Der Twitter-«Aufschrei» scheint mir zu undifferenziert. Deshalb, Frauen, pick your battles: Kämpft für Lohngleichheit, für genügend subventionierte Krippenplätze, für Frauenquoten in Unternehmensleitungen und dafür, dass Familie nicht das Karriere-Aus bedeutet. Für genügend Frauenhäuser und gegen institutionalisierte Gewalt wie Beschneidungen und Burkas. Unterminiert den Chef, der Frauen konsequent «Tanten» nennt. Und freut euch dabei über die Komplimente und die spontan geschenken Rosen. Sie regnen ungefähr 15 Jahre lang auf euch herab. Danach wirds leider immer dürrer.

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