Jubel, Trubel, Blätterwald

Tote Kinder und Krokodilstränen

Nun, dies ist ein Medienblog. Und als solcher ist es seine, respektive meine Aufgabe, auf die grössten «Mediengeschichten» der Woche einzugehen. Was oftmals lustig ist - wer mokiert sich nicht gerne über «Twilight» oder Herzogin Kate - fällt diese Woche schwer. Denn das «Medienereignis» der Woche war ein tragisches und man sieht nur Zynismus allenthalben.

«Medienereignis?» sehe ich an dieser Stelle Leser die Stirne runzeln. Das Wort mutet zynisch an. Und doch agiert das Mediengeschäft unglückseligerweise absolut vorhersehbar als Handlanger psychisch gestörter Menschen. Einmal mehr hat ein hoffnungslos vereinsamter Mann sich dazu entschlossen, sich grösstmögliche Aufmerksamkeit auf globaler Ebene zu verschaffen und auf die Allerschwächsten einer Gemeinschaft loszugehen - und die Berichterstattung glorifiziert solch schreckliche Amokläufe, indem sie den Tätern sozusagen Instant-Berühmtheit verschafft.

Und dies geschieht leider nicht nur weit weg in Amerika, sondern unangenehm nahe auch bei uns, in der Schweiz. Oder weiss irgend ein Leser noch dem Namen eines der Opfers des Zuger Attentäters? Aber der Name des Attentäters, Fritz Leibacher, hat sich ins kollektive Bewusstsein gebrannt, genauso wie der Name Günther Tschanun immer noch jedem ein Begriff ist.

Auch in einem anderen Belang sind wir in der Schweiz leider gar nicht so weit von amerikanischen Verhältnissen entfernt: Amokläufe könnten in der leider bereits zur Genüge bekannten Form gar nicht stattfinden, gäbe es keinen Zugang zu Schusswaffen. In der Schweiz wird ja auch jedem, der den Militärdienst absolviert hat, eine Waffe sozusagen hinterhergeworfen. Man darf die dann zuhause im Nachttischschränkli sicher aufbewahren. Nun gibt es im Netz diverse widersprüchliche Zahlen zu Schusswaffendelikten und Schusswaffendichte, Fakt scheint aber zu sein, dass die Schweiz mit ihrer grossen Schusswaffendichte zumindest in der Suzidrate mit Schusswaffen trauriger europäischer Spitzenreiter ist. 

Aber egal, unser einig Volk von Brüdern lässt sich seine Waffen genausowenig nehmen, wie der durchschnittliche Anhänger der National Rifle Association, die Initiative «Schutz vor Waffengewalt» scheiterte jedenfalls Anfangs Jahr grandios.

Leider, so scheint es, sind Amokläufe an Schulen ein Phänomen, das bleibt. Und es ist wohl eher eine Frage des «wann», als des «ob» die Schweiz eine derartige Tragödie erlebt, dass fassunglose Bundesräte medial wirksam in die Kamera weinen müssen. Immerhin können wir uns einer einigermassen weissen Weste rühmen: Unsere Politiker geben keine Kriege in Afghanistan oder Irak in Auftrag, wo genauso kleine Kinder umkommen und weinen dann Krokodilstränen um die Kinderopfer mit der richtigen, also eigenen Nationalität.

 

Nein, nein, in der Schweiz werden die Waffen bloss hergestellt, die diese Kinder töten. Aber man könnte sich natürlich an den Vorschlag amerikanischer Republikaner halten und bereits schon mal beginnen, das Lehrpersonal an unseren Schulen zu bewaffnen.