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  2. Style-Kolumne von Alexandra Kruse über Designer-Kleider

Alexandra Kruse

Wunderland!

Eine der grössten Tragödien meines Stylisten-Lebens ist die Tatsache, dass sich all die schönen Sachen, mit denen ich mich umgeben darf, innerhalb kurzer Zeit wieder in Luft auflösen.

Stylistin Alexandra Kruse trägt geliehene Designer-Kleidung gerne, bevor sie zurückgeschickt wird.
Geri Born/SI

Sie machen sich einfach unsichtbar und verschwinden in den Paketen, aus denen sie geschlüpft sind. Und werden von fleissigen Zwergen zurück nach Mailand oder Paris geschleppt. Oder ich bringe sie persönlich wieder zurück in die Boutiquen, in denen ich sie unter Einsatz eines guten Namens und des Versprechens, sie unbeschadet wieder zurückzubringen, ausgeliehen habe. Natürlich nicht, ohne mich vorher zu verabschieden.

Ein aufwendiger Burberry-Mantel (der, den Anna Wintour auf den Schauen trug) rief noch tagelang meinen Namen. Dann überwand er den Trennungsschmerz und landete in der Garderobe eines Mannes mit Frauenstatur. Aus dem Drama des Abschieds hat sich ein noch grösseres entwickelt, eine Zwangshandlung. Nämlich die Stücke, solange sie bei mir sind, für kleine Ausflüge zu entführen. Zumindest in Gedanken.

Dieses heimliche Laster bringt mich allerdings oft in absurde Situationen. Da sitzt man plötzlich in einem neongelben Fake Fur und einer Krone am Schreibtisch, trägt haushohe Louis-Vuitton-Schuhe mit Federschmuck in der Kantine oder holt an einem Regentag Café in einer regenbogenfarbigen Sonnenbrille. Für die Sachen ist es doch schön, dass sie mal das Leben ausserhalb von Luxusläden spüren. Sollten Sie also morgen jemand mit einer hellblauen Schlumpfmütze mit Schleier sehen, keine Sorge: Das könnte bloss ich sein mit einer Mütze von Jil Sander.

Alexandra Kruse, 33, ist Stylistin und schreibt wöchentlich eine Kolumne für die «Schweizer Illustrierte».

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am 25. April 2012