Neujahrsgedanken

Es ist immer eine Frage der Perspektive
Es hat tüchtig gekracht. Da und dort. Auf einer Anhöhe sah ich aus allen Himmelsrichtungen Feuerwerkskörper in die Luft steigen. Freudiges Knallen überall. Mit einem Lächeln auf den Lippen betrachtete ich den farbigen Sternenregen zum Jahreswechsel.   Das Lächeln fror schnell ein. Nicht wegen der Kälte. Da war dieser Gedanke, dass ganz viele Menschen zusammenzucken würden bei diesen Raketen am Himmel. Sie würden sich ducken, den Kopf einziehen, die Arme schützend darüber. Sie haben schon andere Dinge erlebt als wir oder unsere Kinder hier in dieser geschützten kleinen Welt mit einem Pappzylinder auf dem Kopf.   Kinder im Kongo zum Beispiel. Ich war in diesen Tagen an einem Vortrag einer Schweizer IKRK-Mitarbeiterin, die eben zurückgekehrt ist aus der Demokratischen Republik Kongo, dem drittgrössten Staat Afrikas. Die Einwohnerzahl mit 67 Millionen (Stand Jan 2010) liest sich unglaublich, aber richtig schockierend ist diese Zahl: 1000 Menschen pro Tag werden nach Schätzungen der UNO Opfer von Gewalttaten. Wie hoch die wirkliche Anzahl ist, kann niemand sagen.   Immer wieder kommt es zu Massenfluchten, hunderttausende Menschen versuchen, sich in Sicherheit zu bringen und wollen nichts mehr als das, was für die meisten von uns eine Selbstverständlichkeit ist: In Frieden mit den Liebsten zusammenleben.   Nun, die besagte IKRK-Mitarbeiterin war verantwortlich für Familienzusammenführungen. Sie versuchte, elternlose Kinder wieder mit einem Familienmitglied zusammenzubringen. Diese Suche dauert wochen-, teilweise jahrelang. Und manchmal führt sie auch zu keinem Ergebnis. Dann sind Kinder auf sich alleine gestellt.   Und wir jammern gerne darüber, dass wir an Weihnachten mit der Familie feiern „müssen“... Andere täten das gerne.   Dies schoss mir durch den Kopf, während die Raketen an unserem Himmel wunderschöne Sternen-Bouquets kreierten und über das Land regnen liessen, und die Gedanken taten weh. So wie der Knall jeder einzelnen Rakete in den Ohren.   Ich spüre tiefe Bewunderung für Menschen, die sich so einsetzen. Die in Krisengebiete ziehen, um Hilfe zu leisten für diejenigen, die sich diese gar nicht leisten könnten. Ihnen gebührt grosser Respekt. Und so stellte ich mir vor, dass der frenetische Applaus für die Feuerwerke zum Einläuten des neuen Jahres, von all diesen Helferseelen gehört würde.