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Pinnwand

Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

Der Geist wäre willig, nur das Fleisch ist gut

SI-Sportreporter Iso Niedermann bloggt direkt von der Fussball-WM 2010 aus Südafrika.

Vegetarier bitte wegzappen! Was ich heute beschreibe, sind die Essgewohnheiten, die man sich in Südafrika so innert kürzester Zeit aneignet. Und die sind nicht wirklich an pflanzlichen Nährstoffen orientiert.

Das kulinarische Zauberwort hier heisst Fleisch. Und nicht einfach Fleisch, sondern FLEISCH! Je grösser, desto gut. Was ich hier an totem Tier innert drei Wochen verputze, entspricht meinem heimischen Fleischkonsum von zwei Monaten. So langsam fange ich an, den tierischen Aspekt meiner Persönlichkeit zu entdecken.

Man stelle sich das einmal vor in der Schweiz: Man geht in einen Supermarkt und stellt sich vor die Fleischauslage. Dann sucht man in der Filet-Abteilung und orientiert sich ausschliesslich an einer Kenngrösse: dem Gewicht. «Was, du hast ein Stück von nur 492 Gramm? Lachhaft, meins ist 522 Gramm schwer.» In der Schweiz wäre damit das Einkaufsbudget einigermassen gesprengt, aber hier in Südafrika ist es höchstens relevant, wie viel man mit eigener Muskelkraft aus der Checkers-Filiale schleppen mag.

Merkwürdig, aber dieser Fleischhunger reisst einem irgendwie mit. Ich bin keiner, der zu Hause mehr als zwei-bis dreimal wöchentlich Fleisch braucht. Auf Teigwaren oder Salat könnte ich im Normalfall wesentlich schlechter verzichten. Das aber ist hier gar kein Thema. Kartoffeln? Okay, nehmen wir halt auch noch einen Sack. Gemüse? Naja, wenns sein muss, als Beilage. Hauptsache, mein Ribeye-Steak ist grösser als das meines Mitessers. Die Hemmschwelle gegenüber der Tierwelt sinkt markant. Sollen mich Tierschützer Kessler und Konsorten ruhig verfluchen, my steak is my castle.

Neulich luden Fotograf Remo und ich zum Barbecue in unser Chalet im Emerald-Resort. In Südafrika nennt man diese Grillabende «Braai». Und - ha! - natürlich konnte keiner unserer Gäste mit seinem mitgebrachten Fleisch mit unseren Filetsteaks mithalten. Was für jämmerliche 300-Gramm-Koteletts die auspackten! Wir gönnten diesen Mädchen-Plätzchen gerade noch einen Platz am Rand unseres Grills. Der Löwe macht auch nicht Platz, wenn ein Häslein daherhoppelt. Wenn sich meine Persönlichkeit nach der Rückkehr in die Schweiz markant verändert haben sollte, so bitte ich um Nachsicht.

Natürlich geht’s mit der Ernährung auch im Kleinformat. Man muss ja nicht immer ein Steak auf dem Teller haben. ABER TOLL WÄRS SCHON! So begnügt man sich in Südafrika bei der kleinen Zwischenmahlzeit nicht mit Unsinn wie Früchten oder Sandwiches. Nein, auch da heisst das Motto: FLEISCH! Und weil man ja zum Znüni nicht einen Lammrücken zwischen zwei Brotscheiben packen kann, lautet das Zauberwort: Biltong.

Biltong sind getrocknete Stücke von Rind, Kudu-, Springbock- oder Antilopenfleisch. Nur dass sie nicht so lächerlich hauchdünn sind wie unser Mostbröcklein oder Walliser Hobelfleisch. Nein, Biltong sind richtige Happen, an denen man auch etwas zu kauen hat. Der Südafrikaner steckt sie sich nicht nur als Vorspeise in den Mund, sondern auch zwischendurch als Ersatz für Kaugummi und Maltesers.

Interessant ist, dass man in Südafrika auch permanent Lust hat zu essen. In einem Safaripark erzählte uns eine Rangerin, dass Zebras pro Tag nur eine Stunde schlafen und den grössten Teil der restlichen 23 Stunden mit Fressen verbringen. Wir haben hier einen Kollegen im Journalisten-Tross, den wir nur noch Zebra nennen. Raten Sie mal, weshalb! 

Im übrigen ist der gemeine Südafrikaner im Restaurant in etwas das, was er auch zu Hause vertilgt: Steaks, Filets, Koteletts, Sparribs. Mit Vorliebe zusammen mit Fritten und einer tollen Sauce. Wir sind ja gute Besucher des Landes und passen uns an. Weshalb sollen wir also zurückstehen und uns mit Spezialwünschen als doofe Touristen outen? Das Porterhouse-Steak bitte, 300 Gramm, medium und mit Ofenkartoffeln!