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Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

In der Hockey-Bar ist die Hölle los

Die Eishockey-Leidenschaft der Kanadier ist legendär. Und wenn man in einer kanadischen Bar ein Hockey-Match schaut, spürt man auch, wie intensiv sie ist. Siehe Video.

Das «Lennox-Pub» in Vancouver ist schon eine Stunde vor dem Viertelfinal-Spiel Kanada gegen Russland brechend voll. Drinnen wird aus grossen Kübeln Bier getrunken, draussen vor der Tür ist die Warteschlange etwa fünfzig Meter lang. Links von mir sitzt Chris. Er ist 60 Jahre alt und hat seinem Chef während der Arbeit gesagt, dass er jetzt Hockey schauen gehe - und ist einfach abgehauen. Rechts von mir sind zwei Studentinnen, die ihre Uni-Vorlesungen haben sausen lassen. Der nächste am Tisch, Brent, hat sich gleich den ganzen Tag frei genommen. Und dann sind da tatsächlich noch drei Russen, die sich in die Höhle des Löwen gewagt haben.

16.30 Uhr, Spielbeginn. Nach 15 Sekunden: Die Masse springt auf, ohrenbetäubender Jubel. Und wenn ich ohrenbetäubend schreibe, meine ich es auch so. Der Grund: Nicht etwa ein Tor. Ein Kanadier hat einen Russen bloss hart an die Bande gecheckt! Erst bei Drittelsende wird mir klar, wie hoch der Stellenwert des Körpereinsatzes bei den Canucks ist: Im Kanadischen TV wird zuerst eine Zusammenfassung der Checks gezeigt, erst dann folgen die Tore.

Zweites Drittel: Die Kanadier überfahren die Russen förmlich. Die Studentinnen neben mir tanzen auf ihren Bänken, während die Russen am Tisch sich aufs Biertrinken konzentrieren. Und Chris, das merke ich aber erst jetzt, ist halb blind! Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob er zu betrunken ist, um etwas zu sehen oder ob er wirklich an einer Augenkrankheit leidet. Ich hoffe, es liegt bloss am Alkohol. Jedenfalls amte ich jetzt als Kommentator (der Ton vom TV ist längst nicht mehr zu hören) und erkläre Chris laufend, was auf dem Eis gerade passiert.
 

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Drittes Drittel: Das Lennox-Pub ist längst zum Tollhaus geworden, und ich trage inzwischen eine kanadische Kappe. Etwas unfreiwillig, aber Chris duldet keinen Widerspruch. «My sports reporter has to be Canadian!», sagt er. Man muss wissen: Die Kanadier sind dieser Tage ziemlich entrückte Patrioten. Sogar auf den Anzeigetafeln der Busse erscheinen abwechslungsweise die Destination und ein «Go Canada, Go!» Trotzdem: Das Ganze bleibt auf einer Ebene, die man immer noch als sympathisch empfinden kann.

Spielende, 7:3. Jeder Spieler der Kanadischen Eishockey-Nationalmannschaft ist ein Nationalheld. Zumindest heute. Sollten die Jungs nämlich nicht die Gold-Medaille gewinnen, wird jeder von ihnen ein nationaler Volltrottel sein.
 

Alejandro Velert ist Sportredaktor der Schweizer Illustrierten und verfolgt die Olympischen Spiele gemeinsam mit Fotograf Hervé Le Cunff live vor Ort in Vancouver.