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Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

Geteiltes Leid

SI-Sportreporter Iso Niedermann bloggt direkt von der Fussball-WM 2010 aus Südafrika.

Geteiltes Leid ist halbes Leid, sagt man. Schön, wenn man auf diese Weisheit nach dem himmeltraurigen Schweizer Match gegen Chile zurückgreifen kann. Man muss allerdings schon mit vielen anderen teilen, damit das zerkleinerte Leid eine erträgliche Portion wird.

Dass es im Gegenzug aber auch heisst, geteilte Freude sei doppelte Freude, daran wollte sich vor ein paar Tagen nach dem sensationellen Sieg gegen Spanien eigenartigerweise kaum jemand erinnern. Nicht ein einziges Bier habe ich spendiert bekommen.
Aber bleiben wir beim Leid. Da haben meine Journalisten-Kollegen dann gestern Nachmittag schon sehr viel Gemeinschaftsgeist bewiesen.

Allenthalben bestätigten sie sich gegenseitig empört, wie katastrophal der Schiedsrichter war, wie offsideverdächtig das Tor der Chilenen, wie lächerlich der Platzverweis für Behrami. Alles wahr eigentlich. Aber als ich dagegenhielt, dass die Leistung von Hitzfelds Team im Grunde keinen Deut besser war als jene des Schiedsrichters, dass Frei und Co. schon vor dem Platzverweis gegen Behrami ihren Beitrag zu einem wirklichen Fussballspiel verweigert hatten, erntete ich böse Blicke. Typisch Wochenjournalist! Kann einfach nicht schnell genug analysieren.

Ihr Leid mit den Umständen wollten die Meisten miteinander teilen, aber jenes über die Leistung der Schweizer hatte ich sozusagen alleine zu schlucken. Da stelle ich mir gerne vor, wie sich die wahren Fans gegenseitig in der schweren Stunde gestützt haben. Und seit gestern Morgen weiss ich, wo die wahren Fans leben: auf dem Campingplatz, kein Zweifel!

Das Leben in den Hotels zwischen Johannesburg, Durban und Port Elizabeth mag ja komfortabel sein. Inspirierend ist es nicht. Überall die gleichen Shampoo-Fläschchen im Badezimmer, überall die gleiche aufgesetzte Höflichkeit an der Rezeption. Gestern Morgen aber besuchten mein Fotograf Remo und ich für eine Reportage einen Campingplatz etwas ausserhalb von Port Elizabeth. Und ich hätte es nicht für möglich gehalten: Die Ambiance dort hat mich richtiggehend angerührt. Die Hälfte der Camp-Bewohner Schweizer, die andere Häfte Chilenen.

Für Südafrikaner dürfte der Aufenthalt auf diesen Plätzen nicht erschwinglich sein. Die Fifa als grosse Wohltäterin des afrikanischen Kontinents hat vor dem Turnier sämtliche Campgrounds des Landes kurzerhand gebucht und zu Wucherpreisen weitervermietet. Fussballfans auf Achse bezahlen derzeit in Südafrika für einen Zeltplatz das vierfache des normalen Preises. Doch wollen wir mal nicht so sein. Auch wenn man nichts Genaues weiss: Ein paar Prozent der Mehreinnahmen von Blatters steuerfrei in Zürich residierender Organisation kommen sicherlich irgendwelchen Entwicklungsprojekten zugute.

Ich bin abgeschweift, entschuldigung. Was ich erzählen wollte ist, wie fröhlich und entspannt die Stimmung auf dem Pine Lodge Campingground war. Ein Klischee, ich weiss, aber irgendwie wars eine grosse Familie. Alle sahen ähnlich übernächtigt aus, alle tranken den gleichen grässlichen Instantkaffee aus Plastikbechern. Chilenen und Schweizer halfen sich dort ganz selbstverständlich mit Gewürz und Haushaltspapier aus. Und niemand machte Stress, weil auf dem Platz nebenan die falsche Musik lief. Da waren anscheinend lauter richtige Fussballfans, denen keine Warteschlange vor dem WC-Häuschen zu lang war, um ihre Lieblinge vor Ort anfeuern zu können.

Ich erlebte Erstaunliches: Ich, ein bekennender Camping-Verächter, der nur schon beim Gedanken an den vorbeischwimmenden Auswurf des nebenan zähneputzenden Unbekannten an der Waschrinne das kalte Grauen bekomme, dachte mir beim Wegfahren: Eigentlich wäre ich lieber hier als in unserem modernen, klimatisierten Journalistenhotel. Denn hier teilt mit Bestimmtheit jemand sein Leid mit mir und spendiert mir gleichzeitig ein Bier.