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Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

«Ja guet, okay, wie gseit ...»

SI-Sportreporter Iso Niedermann bloggt direkt von der Fussball-WM 2010 aus Südafrika.

 

Meine Journalistenkollegen von der Tagespresse sind Magier. Einer wie der andere. Gehen alle an die gleiche Pressekonferenz und schreiben nachher doch Geschichten, die sich erstaunlich unterschiedlich lesen. Dabei würde bei allen das Gleiche drin stehen, gäben sie im Wortlaut wieder, was die Protagonisten auf dem Podium von sich geben: Nichts.

Das nennt man die hohe Kunst der Interpretation. Anders ist die Aufgabe hier in Südafrika nicht zu meistern. Alles, was wir Medienvertreter von den Schweizer Nati-Spielern an Auskünften bekommen, ist portionierter Einheitsbrei. Was natürlich auch mit uns Journalisten zu tun hat. Wenn schon keinerlei exklusive Termine mit den Kickern zu haben sind, will man sein Pulver an raffinierten Fragen nicht vor versammelter Konkurrenz verschiessen. Ist aber eigentlich auch egal, was und wie man in dieser einen Viertelstunde pro Tag fragt. Die Antworten lauten im Prinzip immer gleich.

Deshalb hier ein 10-Antworten-Katalog für künftige Nationalspieler, mit dessen Hilfe in aller Zukunft jeder Medienauftritt zum Kinderspiel wird. Man nutze einfach eine der folgenden Aussagen und liegt damit auf jeden Fall irgendwie richtig. Die Medienschar wird eifrig in ihre Blöcke notieren und begeistert ihre Mikrofone hinhalten:

  • Wir sind alle bereit und haben im Training bewiesen, dass wir gewinnen wollen.
  • Ob ich von Anfang an spiele, ist Sache des Trainers. Er entscheidet.
  • Wir müssen an unsere Chance glauben.
  • Diese Dinge haben wir intern besprochen und sie sind erledigt.
  • Wenn wir alle 110 Prozent geben, ist auch dieser Gegner besiegbar.
  • Auf welcher Position ich spiele, muss der Trainer entscheiden.
  • Solange wir rechnerisch noch eine Chance haben, ist nichts entschieden.
  • Wir haben verschiedene sehr gute Spieler im Team, die den Match entscheiden können. Es ist egal, wer die Tore schiesst.
  • Wir müssen uns noch einmal voll konzentrieren, dann haben wir gute Chancen.
  • Ich versuche wie immer, meine Aufgabe möglichst gut zu erfüllen und mich in den Dienst der Mannschaft zu stellen.

Damit das Ganze noch einen Anstrich von reiflicher Überlegung erhält, gibt es ein paar einfache Sprachformen, die hilfreich sind. Gut ist es, jeden Satz mit einer Art Vorwort zu beginnen: «Ja, okay,…» (wie Chapuisat immer sagte), «Guet, …..», (Barnettas Choice), «Wie gseit….» (brauchen so ziemlich alle, lustigerweise auch bei der ersten Antwort des Interviews). Diese paar Stilmittel helfen selbst bei der doofsten Journalistenfrage.

Dass man nie einen eingeschlafenen Medienmenschen ob soviel spannendem Fussballer-Output vom Stuhl fallen sieht, erstaunt mich immer wieder. Es gibt Kollegen, die spielen auf ihrem iPhone eine Runde Schieber mit sich, um wach zu bleiben. Wenn sie sich nachher die Spieler-Antworten selber geben, liegen sie bestimmt richtig und können problemlos ihre Geschichte schreiben.

Aus diesem Grund hat mich Alex Frei gestern bitterlich enttäuscht. Nach zehn Tagen des Schweigens gegenüber den Medien hat er erstmals hier in Südafrika geredet. Der Interviewraum war brechend voll, die Spannung spürbar, was der längerfristig angestaute Redeschwall unseres Captains denn so hergibt, wenn der Damm endlich bricht. Es war erschütternd. Der gereizte Alex dribbelte sich so entschlossen an jeder aussagekräftigen Antwort vorbei wie auf dem Platz leider schon länger nicht mehr an seinen Gegenspielern. Ein Lehrstück an Phrasendrescherei. Ein klares eins zu null für Frei. Null vor allem.

Ich freu mich auf die Lektüre der verschiedenen Zeitungen morgen. Und dann muss ich unbedingt die Jass-App ebenfalls auf mein Handy laden.