fwe

Pinnwand

Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

Nonstop-Richard

SI-Sportreporter Iso Niedermann bloggt direkt von der Fussball-WM 2010 aus Südafrika.

Es gibt Leute, die sind wortkarg und geben meist sehr einsilbig Antwort, wenn sie etwas gefragt werden. Dann gibt es andere, die sind sehr offen und nehmen zu jeder Frage in der Regel so ausführlich wie nötig Stellung. Und schliesslich gibt es Richard. Richard ist 62, gebürtiger Port Elizabethianer, von Beruf Shuttlebus-Fahrer. Und aus Berufung lebendes Radiogerät.

Den gestrigen freien Sonntag nutzten Fotograf Remo und ich zusammen mit einem Kollegen, um einmal etwas mehr von Südafrika zu entdecken als nur Hotels, Trainingsplätze, Restaurants und Stadien. Und dazu bietet sich in Port Elizabeth der Addo-Elephant-Park an, ein Wildreservat, in dem die grösste Elefanten-Gemeinde des Landes lebt. Der sogenannte Game-Park liegt rund 70 Kilometer östlich der Stadt an der Küstenstrasse Richtung East London.

Genau richtig, um zu dritt einen Shuttlebus samt Fahrer zu mieten. Für umgerechnet etwa 145 Franken pro Person gibts Hin- und Rückreise im Mercedes-Büslein, Zutritt in den Park, zeitlich unbeschränkte Entdeckungstour darin und die Dienste eines persönlichen Chauffeurs. Und es gibt wie gesagt Infos à discretion.

Bei unserer Abfahrt vom Hotel war der sehr korrekt in Anzug und Krawatte gekleidete Richard noch etwas reserviert. Er sprach über Reisedauer und Fahrzeug-Eigenschaften sowie die Notwendigkeit, später beim Parkeintritt einen Pippihalt zu machen. Anschliessend erklärte er auf der Fahrt durch Port Elizabeth das eine oder andere Gebäude. Nicht zuviel, nicht zu wenig..Prima Voraussetzungen für eine entspannte Reise in die afrikanische Wildnis.

Doch dann machte ich den Kapitalfehler: Ich wollte nett sein und stellte Richard eine Frage, die über das unmittelbare Geschehen vor dem Autofenster hinausging. «Was wird wohl aus Südafrika, wenn Nelson Mandela einmal nicht mehr da ist?» Und da gings los. Richard begann zu sprechen und hörte erst wieder auf, als er eine Stunde später im Addo-Park leicht nervös wurde, weil die Elefanten sich einfach ums Verrecken nicht zeigen wollten.

Das Erfahrene lässt sich nicht so einfach zusammenfassen, aber ich zähl mal in etwa auf, was wir so alles beantwortet erhielten, wonach wir nie gefragt hatten: Staatspräsident Zuma ist so korrupt wie nur denkbar. Richard ist glücklich geschieden. Elefanten bewegen sich immer im Uhrzeigersinn durch ihr Revier. Schwarze Frauen träumen davon, einen der weissen Besucher kennenzulernen, weil weiss gleich reich. Kudufleisch ist das typischste aller typischen Gerichte Südafrikas. Der Chef hat's nicht gern, wenn Richard mit dem Mercedes über die Schotterwege des Parks fährt, aber für uns macht er das doch gerne.

Viele der jüngeren Schwarzen hängen auch im modernen Südafrika noch ihren Traditionen nach. Manche glauben Unsinn wie den, dass Sex mit einer Jungfrau sie unsterblich macht. Ein Durchschnittslohn in Südafrika beträgt etwa 3000 Rand im Monat, umgerechnet etwa 450 Franken. Zwischen linkem Ohr und Auge des Elefanten gibt es eine Stelle, an der glänzende Flüssigkeit austritt, wenn der Elefant - ähm, sagt man da auch «spitz»?- ist.

Gott behüte Südafrika, wenn Nelson Mandela einmal stirbt! Richard ist kein Rassist. Richard hat in seinem ganzen Leben nie Gewalt erfahren durch Schwarze, wenn dann höchstens durch betrunkene Weisse. Richard hat sich mal kaputt gelacht über eine ältere Amerikanerin, die im Bus ganz aufgeregt wurde, weil sie einen fünfbeinigen Elefanten entdeckt hatte; dabei war das fünfte Bein gar kein Bein, sondern sein…Hohoho!

Richard brächte keinen Bissen Schlangenfleisch herunter. Richard sieht schwarz für Südafrikas Wirtschaft. Richard ist an der WM für die Schweiz und gegen Chile, weil er die europäischen Touristen besser mag als die südamerikanischen. Richard flirtet gerne mit den Park-Rangerinnen, weil die ihn schon lange Zeit kennen.

Das ist nur eine kleine Auswahl aus Richards Lexikon des breiten Wissens. Chronologischen Ansprüchen kann hier leider nicht Genüge getan werden.
Zum Glück tauchten die Elefanten doch noch auf. Richard war selig. Und wir erlöst. Auf dem Heimweg hab ich prima geschlafen.