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Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

Paparazzi-Schule

SI-Sportreporter Iso Niedermann bloggt direkt von der Fussball-WM 2010 aus Südafrika.

Wenn's nicht zum Schreien wär, oder wenigstens zum Heulen, dann wär's zum Lachen. Nein, nicht dass nach der Rückkehr des Schweizer Medientrosses aus Durban ins nächtens minus acht Grad kalte Johannesburg mehrere Journalisten-Chalets ausgeräumt waren. TV-Mann Matthias Hüppi zum Beispiel soll sogar seiner vielzitierten FC-St.Gallen-Jogginghose verlustig gegangen sein. Darüber kann man nun wirklich nicht lachen.

Aber die Geschichte, die mein Fotograf Remo und ich heute erlebt haben, die ist so abstrus, dass man eigentlich tatsächlich nur noch darüber lachen kann. Und sie ist leider bezeichnend für die Arbeitsbedingungen, die wir hier unten in Südafrika rund um das Schweizer Team haben. Die Geschichte heisst: Wie aus braven Schweizer Journalisten Paparazzi-Ausbildner werden.

Das kam so: Wir hatten auf heute Nachmittag eine Reportage im kleinen Safaripark im Gelände des Emerald Resort vereinbart. Um 16 Uhr sollte diese beginnen, und um 15 Uhr fuhren Remo und ich hin, um mit den Parkverantwortlichen die Möglichkeiten des Fotografierens zwischen Zebras und Springböcken nochmals zu besprechen. Und da erfuhren wir, dass wir den Termin leider verschieben müssten. Grund: Alle drei Safari-Jeeps waren kurzfristig auf 15.30 Uhr gebucht worden. Als uns die arglose Tourenführerin erzählte, für wen, läuteten unsere Ohren: Das Schweizer Natikader würde im Hotel abgeholt und auf eine Safaritour gebracht.

Eigentlich sind wir - und bestimmt die ganze Fussball-interessierte Schweizer Öffentlichkeit - ja der Meinung, dass daran nichts ungebührliches ist, wenn sich eine Gruppe wochenlang zusammen lasernierter Fussballprofis einmal etwas Ablenkung gönnt. Zumal es die Helden eines grossen Fussball-Märchens sind, zumal es am Tag nach dem Match und ohnehin Regeneration angesagt ist, zumal sich der Safaripark auf dem abgeschirmten Resortgelände befindet.

Nur sehen das nicht alle so: Die Verantwortlichen der Schweizer WM-Expedition schirmen ihre Spieler vor den Medien ab, so gut es nur geht. Die Spieler bekommen wir ausschliesslich zu Gesicht beim Training, an den offiziellen Medienterminen und an den Matches. Null Chance, dabei etwas privateres zu sehen oder zu erfahren, geschweige denn zu dokumentieren. Und logisch also, dass auch diese Mission Safari als top secret operation gehandelt wurde.

Im Wissen darum, dass man uns mit Garantie von der - notabene allen Resortgästen zugänglichen - Strasse davonscheuchen würde, wenn wir uns mit Kamera und Notizblock in der Nähe des Parkeingangs aufhalten würden, überlegten wir, wie wir dieses Problem lösen könnten. Die Schweizer auf Safari - ein zu schönes Sujet, als dass wir klein beigeben mochten. Und da kam uns der Zufall zu Hilfe. Der Zufall in Person von Zaccharia und Simon.

Zaccharia und Simon arbeiten in einer kleinen Baracke auf dem Gelände des Safariparks. Und sie wollten dieses eben verlassen, als Remo und ich unsere Möglichkeiten einschätzten, aus der Distanz ein Bild von den Schweizer Safari-Kickern zu machen. Da war die Idee schnell geboren, und die beiden pfiffigen Einheimischen machten mit Vergnügen mit - für eine Handvoll Rand selbstverständlich. Zaccharia liess sich von Remo in die rudimentäre Handhabung einer modernen Profikamera einführen und Simon zeigte, wie sich ein afrikanischer Fan über eine Begegnung mit den Schweizer Fussballheroen freut.

Alles klar also. Remo und ich verzogen uns, Simon stellte sich innerhalb des Safariparks an den Wegrand und Zaccharia mit der Kamera daneben. Dann kam der Konvoi und Remo und ich beobachteten aus der Ferne das nun folgende Spektakel. Kaum waren die Jeeps durch das Tor gefahren, begann Simon wie wild rumzuhopsen und «Switzerland, Switzerland» zu schreien. Die Jeeps hielten an, die Spieler, die sich sonst so verschlossen geben, schrien, lachten und gestikulierten zurück und Zachharia drückte auf den Auslöser.

Das Resultat sahen wir ein paar Minuten später, als der Konvoi im Park verschwunden war und die beiden Afrikaner zu uns rauskamen. Nicht viele scharfe Fotos zwar, aber doch einige tolle, sympathische Bilder von Schweizer Fussballern auf Tuchfühlung mit begeisterten Einheimischen. Perfekt. Unsere Paparazzi hatten ihren Lohn redlich verdient.

Doch für uns kam nun das dicke Ende: Ehe wir uns verabschieden konnten, sauste ein Polizei-Jeep heran, aus dem drei grimmig dreinblickende südafrikanische Polizisten ausstiegen. Der Ordnung halber sei erwähnt, dass es weisse waren. Sie forderten uns auf, sofort wegzufahren von diesem öffentlichen Platz. Unsere Aktion hatten sie zwar nicht mitbekommen, aber sie warnten uns nachdrücklich, hier zu warten und Bilder zu machen. Vorsorglich notierte einer der Cops auch noch unsere Namen. Ob Zachharias' und Simons erstes Paparazzo-Werk jemals publiziert wird? Schwieriger Entscheid. Für die beiden geht es vielleicht um mehr als ein paar unverständliche Regeln der Schweizer WM-Delegation.