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Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

Plädoyer für die Vuvuzela

SI-Sportreporter Iso Niedermann bloggt direkt von der Fussball-WM 2010 aus Südafrika.

Sssmmmmmmmmmmmmmm, tröööööööööööt, ssmmmmmmmmm….. Läuten Ihnen auch die Ohren? Haben Sie ebenfalls das Gefühl, in einem Bienenhaus zu sitzen? Raubt Ihnen der ewiggleiche Klang dieser Tröte womöglich die Freude an der WM? Mir nicht.

Höchste Zeit, einmal ein Plädoyer für die Vuvuzela abzugeben. Knapp ein Dutzend Spiele alt ist diese WM, und weder Goalies, die übelst danebengreifen, noch Schiedsrichter, die vorschnell die rote Karte zücken, haben so viele Feinde rund um den Erdball einträchtig zusammenrücken lassen wie dieses Lärminstrument afrikanischer Machart.

Das vorweg: Mir gefällt der monotone Klang von 60'000 Tröten im Stadion auch nicht. Ich höre ebenfalls ungleich lieber die englischen Fans mit ihren traditionsreichen Stadiongesängen. (Die singen zwar fürchterlich falsch und erreichen die hohen Töne nicht annähernd, aber immerhin.) Mir gefallen die brasilianischen Sambatrommeln auch besser. (Okay, so ein bisschen geht einem das Bummbummbumm schon auf den Wecker mit der Zeit.) Ich finde unseren allzeit enthusiastischen Schweizer Fantrompeter Sigi auch origineller. (Na gut, richtig originell ist es auch nicht mehr, zum 653. mal im Stadion «Chumm bring en hei» vorgeblasen zu bekommen.).

Aber: DAS IST EINE WM IN AFRIKA! Und in Afrika hat die Vuvuzela nun halt Tradition. Es ist ja nicht so, dass irgend ein internationaler Grosskonzern die Vuvuzela als Marketing-Gag für die WM auf den Markt gebracht hat. Wenn mich nicht all meine Erinnerungen fürchterlich täuschen, war das charakteristische Bienengesummse schon fester Bestandteil der akustischen Kulisse, als ich vor vielleicht 20 Jahren erstmals einen Africa-Cup auf Eurosport verfolgte. Afrikanische Fankultur, würde ich sagen.

Sozialromantik, erwidern Sie? Ich weiss immerhin, wovon ich spreche. Ein Livematch im Stadion mit einer afrikanischen Mannschaft bedeutet: sitzen inmitten von abertausenden von Vuvuzelas. Und ich kann Ihnen versichern: Alles halb so schlimm. Zumindest wenn nicht der halbwüchsige Lümmel hinter mir seine Tröte genau auf mein Ohr richtet. Ich habs erlebt. Und überstanden.

Klar, Messi darf sich beklagen, er habe seine Mitspieler nicht verstanden auf dem Platz. (Wobei: Wer muss schon zuhören, wenn er die Ideen seiner Wasserträger schon kennt, bevor sie diesen eingefallen sind?). Und afrikanische Kunsthandwerker können mit Recht spotten, die moderne Vuvuzela sei ja nur ein auf Lautstärke getrimmtes Plastikimitat traditioneller Holzinstrumente.

Aber wir WM-Konsumenten? Stolz, dass wir die Hersteller der Vuvuzela per Fifa-Dekret bereits dazu gebracht haben, die Dezibelstärke ihrer Produkte nach unten zu korrigieren? Ich gestehe: Ich finds irgendwie cool, an der ersten afrikanischen WM Fussball in afrikanischer Ambiance zu erleben. Tönt ruhig monoton weiter, ihr Vuvuzela-Bienenschwärme!


PS: Auf Ihrer TV-Fernbedienung gibt’s irgendwo ein Knöpfchen mit durchgestrichenem Lautsprecher-Symbol. Das wär dann die Lautlos-Taste.