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Der Gastro-Blog: Essen, Trinken, Kochen und alles, was uns sonst bewegt.

Wutbürger

Die Garmischer und Partenkirchener sind sich nicht immer ganz wohlgesonnen, wie wir vom Blog der Vorwoche wissen. Aber das ist nichts im Vergleich zum Graben, der sich hier in der Olympia-Frage auftut.

Die Ausgangslage: München und Garmisch bewerben sich für die Olympischen Winterspiele 2018. Die Crème de la Crème aus Deutscher Politik, Wirtschaft und Sport gibt Vollgas, um die Spiele nach Bayern zu holen. Star und Gesicht der Olympia-Kandidatur: Eisprinzessin Katarina Witt.

Dieser geballten Macht der Institutionen steht eine bunte Schar kämpferischer Bürger gegenüber. Einer von ihnen ist Andreas Keller, 72. Der Physiker im Ruhestand ist einer der führenden Köpfe der NOlympia-Bewegung, die die Spiele in ihrem Tal verhindern möchte. Und dafür braucht es einigen Mut. Seit er sich engagiert, wird er nicht nur angefeindet, er hat auch schon Morddrohungen erhalten. Die Frage, ob man für oder gegen Olympia einsteht, ist in GaPa nämlich eine Glaubensfrage, die die Emotionen hochkochen lässt. Praktisch jedes Gespräch mit einem Einheimischen, das länger als drei Minuten dauert, landet beim Thema Olympia. In den Gesprächen, die wir geführt haben, war nur einer für die Olympischen Spiele in Garmisch.

Als wir dies Andreas Keller bei ihm zu Hause erzählen, klatscht er in die Hände. «Dabei erzählt unser Bürgermeister allerorts, dass die Bevölkerung begeistert sei! Aber im Gegensatz zur Schweiz werden wir halt nicht gefragt.» Was immer man sich unter einem Wutbürger vorstellt: Einen renitenten Eindruck macht Andreas eigentlich nicht. Viel eher sieht er nach einem Rentner des gehobenen Mittelstandes aus, der den Garten seines schönen Hauses pflegt und seinen Ruhestand geniesst.

Doch den Fehler, ihn und seine schlagkräftige Widerstandstruppe zu unterschätzen, haben schon einige gemacht. «Widerstand ist die einzige Sprache, die die Gegenseite versteht», sagt er. Die Zeiten, als Olympia-Gegner und Befürworter an einem Tisch um Lösungen rangen, sind vorbei. Nun wird mit harten Bandagen gekämpft. «Macht nichts, die anderen sind ohnehin Argumentationsresistent.» Er breitet die offiziellen Bewerbungsunterlagen der Olympia-Kandidatur auf seinem Stubentisch aus. Es sind vier Hochglanz-Bücher mit schönen Bildern und vielen Grafiken. «Sie sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden.» Die Zahlen von NOlympia sprechen eine andere Sprache: Die ökologische Bilanz: desaströs. Der ökonomische Nutzen: null bis negativ. Und was das finanzielle betrifft, sähe es noch viel schlimmer aus: «In den vergangenen zwanzig Jahren hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) durchschnittlich vier Milliarden Gewinn gemacht. Sämtliche Veranstalter erlitten hingegen Verluste in Milliardenhöhe. Und Nagano, der Austragungsort 1998 wird seine Schulden 2023 erst abbezahlt haben!»

So richtig in Fahrt redet sich Keller beim Thema IOC. Er hat die Verträge, die die Bewerber mit dem IOC eingehen, von mehreren Juristen prüfen lassen. «Alle sind sich einig, das sind sittenwidrige Knebelverträge.» Als Ausrichter müsse man weitreichende Garantien abgeben, ein Mitspracherecht sei nicht vorgesehen. «Und noch viel Schlimmer: Es ist Bestandteil des Vertrages, dass das IOC ihn jederzeit einseitig abändern kann! Wenn ich’s selber nicht gesehen hätte, ich würd’s gar nicht glauben.»

Was am Anfang nach einem ziemlich aussichtlosen Kampf aussah, treibt dem Bewerbungskomitee inzwischen Schweisstropfen auf die Stirn. Denn die NOlympia-Bewegung hat von unerwarteter Seite Unterstützung erhalten. 62 betroffene Landwirte in Garmisch-Partenkirchen weigern sich, ihr Land für Tribünen, Parkplätze oder VIP-Plätze abzugeben, so wie es im Bewerbungsdossier vorgesehen war. Sie waren vorgängig nicht mal um ihr Einverständnis gefragt worden. Jetzt lassen sie sich weder durch Versprechungen noch durch finanzielle Anreize umstimmen. Und so richtig angestachelt hat sie, dass man ihnen gar mit Landenteignung gedroht hat. Ihr Motto, das sie via Anwälte nun verkünden: Wir geben nicht einen einzigen Quadratmeter her.

In 139 Tagen fällt die Entscheidung, wo die Olympischen Winterspiele 2018 stattfinden werden. «Wenn eine andere Bewerbung den Zuschlag erhält, werde ich eine Flasche Champagner öffnen», sagt Keller. Global gesehen sei es aber nur ein Pyrrhussieg: «Dann passieren all die Dinge, die wir nicht wollen, nämlich an einem anderen Ort.»