Radio schauen

Nur schon der Titel geht irgendwie nicht. Radio schauen. Hallo? Trotzdem machen das plötzlich ganz viele Leute. 3 auf 2 sei Dank.

Ich schau DRS3.

Und damit man DRS3 nicht nur hören sondern auch sehen kann (und sich dies auch als Mehrwert präsentiert), ist unser gemütlich-muffiges Radiostudio in ein schmuckes stylisches verwandelt worden.

Es stehen da nun Platten (zeigt langjährige Musikkompetenz), E-Gitarren (zeigt das enge Verhältnis zwischen den Künstlern und den Radiomachern), CD’s (die gibt’s selbstverständlich in paradiesischen Mengen im Radio), Tassen (wir leben quasi hier) und allerlei lustiges, was sich halt so tagein-tagaus im Radio ansammelt (Musikbibeln, Elvis-Puppe oder die leeren Bierflaschen und Rollschinkli-Platte der letzten lustigen Uri, Schwyz und Untergang-Runde).

Eine Kulisse! Kameras! Scheinwerfer!

„Schau, die Mona hat heute aber etwas wildes Haar!“ (was ihr auch sofort per Studiomail geschrieben wird), „der Mario sieht aus wie einer Boygroup entsprungen“ (was ihm auch sofort mitgeteilt wird) und die Judith heute keck mit Hut („So sieht man deine schönen Augen nicht!“).

Auch wenn ich anerkenne, dass es offenbar ganz viele Menschen gibt, die diese neue Dimension des Radiomachens mit „3 auf 2“ schätzen, ich persönlich finde, der Charme des Radiomachens ist genau, dass man eben NICHT SIEHT, zu wem diese Stimme gehört.

Eine Entmystifizierung?

Wenn man mal gesehen hat, dann hört man auch anders.

Kleines Beispiel: Wollen Sie wirklich wissen, wie die Dame mit der sexy Stimme aussieht, die uns tagtäglich die Bahnhofsorte über den Zugslautsprecher entgegenhaucht? Ist es nicht viel spannender, sich jemand VORZUSTELLEN?

Ich spreche aus Erfahrung: Bevor ich bei DRS3 zu arbeiten begann, machte ich mir selbst ein Bild zu den Stimmen. Und war dementsprechend erstaunt, erfreut, auch mal irritiert, als ich die wirklichen Gesichter dazu kennenlernte. Wie hatten die Stimmen meine Phantasie fehlgeleitet!

Radio ist Kopfkino! Jeder Hörer kreiert seine eigenen Bilder.

Ist es nicht spannend und reizend, mit der Stimme eine Stimmung zu erzeugen?

Wenn man dann plötzlich im Fernsehen sieht, wer da spricht, sinniert, moderiert, dann … legen die Augen die Ohren schachmatt:

Was hörte ich auf meine Fernsehsendungen für Feedback: „Frau Maier, hütt händ sie super/schlächt/herzig/doof usgseh!“
Was höre ich auf meine Radiosendungen: „Ihr Interview war heute einfühlsam/daneben/frisch/blöd.“

Etwas überspitzt formuliert:

Fernsehen = Outfit-Bewertung
Radio = Inhaltsbewertung (nur aus mangelnder Möglichkeit der Outfit-Bewertung?).

Selbstredend, dass mir die Inhaltsbewertung immer mehr zusagte. Geht die nun mit der Radio-mit-Bild-Ära zu Ende?

Ich hoffe es nicht.

Aber im Zuge der Gleichberechtigung fände ich folgende Erweiterung des Fernsehens spannend:

Fernsehen als Radio! Inhalt: die Gespräche, die während der Beiträge geführt werden. Was die Herren und Frauen Fernsehmacher WIRKLICH denken.

DAS fände ich nun wirklich spannend.

 

 

3 auf 2 – DRS3 auf SF2 – wochentags von 6.30 Uhr bis 8.45 Uhr.