Renggli’s Top Ten

Der U-Bahn-Knigge

Eine Olympia-Medaille gibt es in der Londoner U-Bahn nicht zu gewinnen. Im nichtolympischen Alltag trennt sich dort aber die Spreu vom Weizen. Die zehn wichtigsten U-Bahn-Regeln für Neulinge, die nicht auffallen wollen.
  1. Schau nie anderen Leuten direkt in die Augen. Fixiere einen Punkt an der Wand, blick auf Deine eigenen Schuhe – oder setzt den Tunnelblick auf.
     
  2. Hör Musik auf Deinem iPhone und schlage rhythmisch auf die (eigenen) Oberschenkel. Oft gesehen bei jungen Einheimischen. Das wirkt cool und gelassen…
     
  3. Lies eine Gratiszeitung. Auch die gibts in London zweimal täglich.
     
  4. Probiere auf keinen Fall, den U-Bahn-Plan an der Wand als Orientierungshilfe zu benutzen. Der ist viel zu klein. Ausserdem entlarvt Dich dies als hilflosen Touristen – und macht Dich zu einem wehrlosen Opfer für Taschendiebe, Sektenmissionare, Rattenfänger und andere diffusen Gestalten des Londoner Untergrunds.
     
  5. Hol das nach, was Du zu Hause aus zeitlichen Gründen nicht mehr tun konntest: schlafen, schminken, Krawatte binden – allerdings nur für Fortgeschrittene.
     
  6. Entschuldige Dich in jeder Lebenslage! Bei Gedränge gehören Rempler zum Underground-Alltag. Doch Anstand und Respekt bleiben auch zur Rush Hour gewahrt! Es entschuldigt sich nicht nur der Rempelnde – sondern auch der Angerempelte.
     
  7. Merkwürdigerweise hört die englische Höflichkeit aber ausgerechnet dort auf, wo sie bei uns beginnt. Räume deshalb nie Deinen Sitz freiwillig für ältere Personen oder Frauen. Das wird offenbar als Beleidigung aufgefasst. Der Toleranzspielraum beschränkt sich auf die markierten Plätze (Priority Seats) in Tür-Nähe: «For Disabled, Pregnant Or Less Able To Stand Persons».
     
  8. Lache nicht – zeige keine Fröhlichkeit. Egal, ob London, Paris, New York oder Moskau – in der U-Bahn schauen alle Leute depressiv und apathisch in die Welt. Wer sich dieser Regel widersetzt, fällt komplett aus der Reihe.
     
  9. Steh auf der Rolltreppe RECHTS. Selbst nach zwei Wochen London blickt der Kontinental-Europäer vor dem Überqueren der Strasse noch immer in die falsche Richtung – um dann dem Tod (in Form eines zweitstöckigen Busses) in die Augen (beziehungsweise Lichter) zu schauen. Auf den Rolltreppen der «London Underground» gelten dagegen kontinentale Spurzuordnungen. Gestanden wird rechts – überholt links. Wieso, weiss vermutlich nicht einmal die Queen.
     
  10. Mind The Gap! Nur damit es hiermit nochmals gesagt sei.