Renggli’s Top Ten

Die Super-Schweizer

Schneller, höher, weiter. Der olympische Auftrag wurde von den Schweizern Sportlern bisher nur in Ausnahmefällen erfüllt. Nichtsdestotrotz: die Top Ten der helvetischen Superlative.
  1. Nicola Spirig. Die Beste. Die Zürcher Unterländerin spurtete in einem fulminanten Finish zu Triathlon-Gold. Am Tag danach brachte sie mit ihrer schieren Präsenz den Verkehr auf der Tower Bridge fast zum Erliegen. Als die asiatische Touristengruppe die Goldmedaille der Schweizerin sah, musste sich die neue Triathlon-Queen beinahe mit einem Sprung in die Themse retten. Sie hätte wohl auch diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Besässe sie den britischen Pass, würde sie im Schnellverfahren in den Adelsstand gehoben.
     
  2. Michel Morganella. Der Kommunikativste. Der Irokese mit dem schnellen Twitter-Daumen war sozusagen der Winkelried der Schweizer Olympia-Delegation. Auf dem Fussballplatz kam er zwar oft einen Schritt zu spät, daneben blies er aber fulminant zum virtuellen Angriff und verschaffte sich so immerhin fünf Minuten olympische Bekanntheit. Dafür wurde er gerechterweise mit der vorzeitigen Heimreise belohnt und musste das klägliche Ende der ersten Schweizer Kick-Übungen an Olympischen Spielen seit 84 Jahren nicht vor Ort erleben.

  3. Stucki Christian & Co. Die Bösesten sind im House of Switerzland Stammgäste. Schwingerkönig Wenger Kilian machte am 1. August seine offizielle Aufwartung, Stucki Christian schaute in privater Mission auf ein Bier vorbei. Bei einem Demonstrationsschwingen stiegen alt König Rüfenacht Silvio und Kronprinz Sempach Matthias gegen heimische Touristen ins herbeigekarrte Sägemehl. Ihre Leistungsanalyse: «Die Engländer sind mutig und tapfer, aber technisch limitiert.» Wie im Fussball…
     
  4. Mike Kurt. Der Unglücklichste. Der Wildwasser-Kanut machte alles richtig, überliess nichts dem Zufall – topvorbereitet, perfekt eingestellt und mit der Routine von zwei olympischen Tauchern stieg er in den wichtigsten Wettkampf seines Lebens. Doch dann brach das Ruder – und der Traum vom olympischen Edelmetal. Der Betriebsökonom hält Referate zum Thema – «Erfolgreich dank Niederlagen» – und macht sich zum aussichtsreichen Kandidaten auf eine Daueranstellung bei Swiss Olympic.
     
  5. Roger Federer. Der Grosszügigste. Im Halbfinal rang er den Argentinier Del Potro in einem epischen Duell 19:17 im dritten Satz nieder. Das Terrain zum grossen Triumph schien geebnet. Denn mit Andy Murray stand nur noch ein Mann vor dem Olymp, der normalerweise schon die weisse Fahne hiesst, wenn er weiss, dass er gegen Federer ran muss. Doch dann wurde alles anders: Murray spielte wie in Trance, Federer verschlug Bälle, die er sonst im Schlaf trifft. Immerhin bewies er die Manieren eines Gentlemans. Wir betrachten seine Nullleistung als Respekterweisung den olympischen Gastgebern gegenüber.
     
  6. Didier Burkhalter. Der Singfreudigste. Der 1. August hätte in London zum grossen Schweizer Jubeltag werden sollen – und endete im eidgenössischen Katzenjammer. Nur Aussenminister Burkhalter hielt die Schweizer Fahne aufrecht, sang auf der Bühne des House of Switzerland voller Innbrunst die Nationalhymne und nannte in seiner Ansprache die olympische Realität beim Namen: «Es ist eine Wahrheit im Sport, dass die Medaillen nie sicher und garantiert sind, und es gehört auch zu einer positiven Darstellung der Schweiz nach aussen, dass wir Niederlagen akzeptieren können.» In dieser Beziehung verdienen sich unsere Sportler in London grösste Anerkennung.
     
  7. Gian Gilli. Der Charmanteste. Am Tag darauf trat der Schweizer Missionschef Gian Gilli zur Bilanzkonferenz vor die Medien. Er sang nicht, sondern relativierte die sportlichen Schadensereignisse mit der simplen Feststellung, dass der olympische Ausnahmefall im Training nicht zu simulieren sei – und deshalb einige Athleten schlicht überfordert habe. Es war aber weniger der Inhalt von Gillis Rede, die den Kritikern die Argumente raubten, sondern der Ton. Wer in Hochdeutsch mit so viel Bündner Groove referiert, sorgt automatisch für Ferien- (und damit Glücks-) Gefühle. Da braucht es keine Medaillen.
     
  8. Fabian Cancellara. Der Naivste. Er besitzt die Medaillen sowie Leader- und Sieger-Trikots stapelweise – war vor vier Jahren Olympiasieger im Zeitfahren. Doch auf dem Weg zum Titel im Strassenrennen war er von allen guten Geistern verlassen. An der offiziellen Medienkonferenz liess er sich in eine Königsschärpe kleiden, setzte die Krone auf – und sprach ins Mikrofon: «I‘m The King Of Bike». Wir empfehlen einen Laienkurs in Sportpsychologie – und einen Englischkurs.
     
  9. René Fasel. Der Einflussreichste. Der Freiburger ist Präsident des Internationalen Eishockey-Verbands und  eines der einflussreichsten Mitglieder des Olympischen Komitees. Er gilt als Kandidat auf die Nachfolge von Präsident Jacques Rogge. In Wimbledon demonstrierte er staatsmännische Präsenz – zuerst in der Royal-Box an der Seite von Bill Gates und später bei der Siegerehrung auf dem Rasen. Fasel war der einzige Schweizer, der jene Medaille in den Händen hielt, die Roger Federer unbedingt gewinnen wollte.
     
  10. Stanislas Wawrinka. Der Mysteriöseste. Der Tennis-Crack gönnte sich am Abend vor dem Doppelspiel gegen die israelischen Berufskollegen zusammen mit Coach Severin Lüthi im House of Switerzland einen Umtrunk. Dies ist erwiesen. Darüber, wie lange der Tennisspieler sitzen blieb, divergieren die Meinungen. Bis um 1.30 Uhr (wie von Journalisten beobachtet)? Weit weniger lang (wie von Wawrinka beteuert)? Bis vor Mitternacht (wie in einer offiziellen Medienmitteilung von Swiss Olympic erklärt)? Fest steht: Nicht alle Uhren gehen in London gleich (einige sind wohl auf Schweizer Zeit eingestellt). Aber Stanislas Wawrinka erinnert in seinem olympischen Auftritt verdächtig ans Ungeheuer von Loch Ness. Er wurde von allen gesehen, war aber gar nicht richtig hier – zumindest nicht im Turnier.