Renggli’s Top Ten

Die ultimative Top Ten von Olympia 2012

Die Spiele sind vorbei, das Olympische Feuer gelöscht. Die ultimativen Olympia Top Ten aus London – durch die Schweizer Brille betrachtet.
  1. Steve Guerdat. Jung, sympathisch, erfolgreich. Der neue Olympiasieger im Springreiten hat alles, was einen Publikumsliebling ausmacht. Dabei fühlt sich der 30-jährige Jurassier ausserhalb des Rampenlichts viel wohler. Schon am Morgen nach seinem Triumph verabschiedete er sich von der olympischen Hektik: «Ich möchte jetzt zu Hause meine Ruhe geniessen.» Für seinen Sieg hätte er kaum einen symbolträchtigeren Ort auswählen können. Durch Greenwich, im Süden der britischen Hauptstadt gelegen, verläuft der Nullgradmeridian – von hier aus wird die Welt abgemessen. Guerdat leitete im Schweizer Pferdesport eine neue Zeitrechnung ein – 88 Jahre nachdem der Kavallerieoffizier Alphonse Gemuseus in Paris die zuvor einzige Einzel-Goldmedaille für die Schweiz gewonnen hatte.
     
  2. Nicola Spirig. Als Favoritin gestartet, als Erste im Ziel. Die Zürcher Triathletin setzte das um, was viele Schweizer nicht schafften. Und die Art und Weise, wie sie in einem dramatischen Fotofinish ihre schwedische Konkurrentin niederrang, hätte eigentlich zwei Goldmedaillen verdient. Am Tag danach brachte Spirig mit ihrer schieren Präsenz den Verkehr auf der Tower Bridge fast zum Erliegen. Als die asiatische Touristengruppe die Goldmedaille der Schweizerin sah, musste sich die neue Triathlon-Queen beinahe mit einem Sprung in die Themse retten. Sie hätte wohl auch diese Herausforderung mit Bravour gemeistert. Besässe sie den britischen Pass, würde sie im Schnellverfahren in den Adelsstand gehoben.
     
  3. Lord Sebastian Coe. Der Chef der Spiele setzte Massstäbe. Eine hervorragende Organisation, ein grossartiges Publikum, wunderbare Wettkampfarenen – mit dem Einbezug der historischen Kulissen. Von der Beachvolleyball-Arena bei der Horse Guarde Parade konnte man Premierminister David Cameron an der Downing Street 10 fast durchs Fenster schauen, auf dem Weg zum Ziel des Triathlons im Hyde Park mit der Queen noch ein Schwätzchen halten und aus dem Greenwich Park der Reiter die ganze Stadt überschauen. Dazu kamen Kathedralen des Sports wie der Tennis-Park von Wimbledon und das Wembley-Stadion. London 2012 transportierte die Olympischen Spiele aus einer Parallelwelt (Peking) zurück in die Realität. Die grösste Goldmedaille verdient die britische Öffentlichkeit. Sie hiess die Welt mit Sportbegeisterung, Freundlichkeit und Humor bei sich willkommen.
     
  4. Usain Bolt. 80‘000 Zuschauer sassen am vergangenen Freitag um 20.57 Uhr starr vor Spannung im Olympia-Stadion von Stratford. Jeder Atemzug, jedes Hüsteln wäre als Gotteslästerung wahrgenommen worden. Sie wollten «History» erleben – und den zweiten grossen Auftritt eines Mannes, der faxen macht wie ein Gaukler, zappelt wie ein Kleinkind, aber schneller rennen kann als jeder andere. Usain Bolt. Der Jamaiker enttäuschte die Fans nicht. Als der Startschuss die Stille durchbrach, war Bolt der Konkurrenz schon enteilt, spurtete in eine neue Dimension. Er ist der erste Athlet, der an zwei aufeinanderfolgenden Spielen beide Sprinttitel verteidigt. «Halb Mensch – halb Superheld», schrieb der «Daily Telegraph» am Tag danach. Hoffentlich ein sauberer Superheld.
     
  5. Michael Phelps. Der amerikanische Schwimmer war in London nicht mehr unantastbar – musste die Ewigkeit von vier Tagen auf die erste Goldmedaille warten. Trotzdem ergänzte er seine phänomenale Trophäensammlung um vier Gold- und zwei Silbermedaillen. Damit besitzt er zum Abschluss seiner Karriere olympisches Edelmetall in 22-facher Ausführung – 18-mal in Gold. Mehr als jeder andere Sportler. Am Bassin-Rand sprach er über seine Zukunftspläne: Er widme sich nun seiner Stiftung und Schwimmschulen für Kinder - und würde «alles darauf verwetten», dass er kein Comeback gibt. Ausserdem würde er gerne eine Familie gründen. Aber «erstmals muss ich eine Freundin finden». Das Problem scheint sich unkompliziert gelöst zu haben. An einem Sponsorenevent in London tauchte Phelps mit dem 27-jährigen Model Megan Rosse auf.
     
  6. Zara Phillips. Die Queen-Enkelin führt die Olympischen Spiele sportlich in royale Sphären. Mit der englischen Military-Equipe ritt sie auf den zweiten Platz und durfte sich die Medaille anschliessend von ihrer Mutter, Prinzessin Anne, umhängen lassen. Überhaupt waren die Windsors in den vergangenen zwei Wochen in London allgegenwärtig. An der Eröffnungsfeier hatte die Queen einen rührigen Auftritt. Danach sorgten ihre Nachkommen auf der Tribüne für royale Ausgelassenheit. Die meisten von ihnen bei Pferdesportanlässen – Partyprinz Harry vorwiegend beim Beachvolleyball der Frauen. Der Höhepunkt bleibt aber der Medaillengewinn von Zara Phillips. Er festigt die Monarchie auch sportlich. Wäre der Buckingham Palace ein Land – er stünde im Medaillenspiegel vor Österreich.
     
  7. Sir Chris Hoy. Der englische Bahnrad-Superstar verzückte das Heimpublikum praktisch im Tages-Rhythmus, machte das Velodrom im Olympia-Park zum Zentrum der englischen Euphorie und spurtete sozusagen in die Unsterblichkeit. Mit sechs Goldmedaillen ist er der erfolgreichste britische Olympionike aller Zeiten. Die ersten Gratulationen erhielt er von seinem Vorgänger - der Ruderlegende Sir Steven Redgrave. Hoy steht für die schon fast unheimliche britische Heimstärke. 207 Jahre nach Trafalgar war Grossbritannien wieder eine Grossmacht – zumindest für 16 Tage.

  8. Ye Shiwen. Ein Wunder der Natur? Oder eine Siegerin aus dem Reagenzglas? Die 16-jährige Chinesin sorgte im Olympia-Pool für sagenhafte Leistungen – und im Publikum für mulmige Gefühle. Wenn ein pubertierendes Mädchen aus dem Nichts auftaucht, über 400 Meter überlegen Gold gewinnt und die letzte Bahnlänge schneller schwimmt als Michael Phelps, werden Zweifel angespült. Die Schwimmerin reagierte prompt und schrieb auf der chinesischen Version von Facebook: «Wenn eine andere dieses Resultat erreicht hätte, wäre von einem Wunder gesprochen worden.» Wir gehen selbstverständlich von der Unschuldsvermutung aus und führen den chinesischen Leistungsschub auf die gesunde Ernährung und die frische Luft in Peking zurück.

  9. Daniel Sturridge. «Fussball ist, wenn zwei Mannschaften mit elf Mann gegeneinander spielen und am Schluss Deutschland gewinnt», sagte der englische Topscorer Garry Lineker einst. Seine Worte sind überholt: Fussball ist nämlich, wenn zwei Mannschaften mit elf Mann gegeneinander spielen und am Schluss England (oder Grossbritannien) im Penaltyschiessen verliert. Nach dem englischen EM-Out im Viertelfinal gegen Italien führte das britische Olympia-Team die schlechte Tradition fort – und tappte gegen Südkorea in die Penaltyfalle. Der tragische Held hiess diesmal Daniel Sturridge von Chelsea. Der BBC-Reporter sagte in einer Mischung aus Konsternation und Zynismus: «Somethings just never change» – «Es gibt Dinge, die ändern sich nie».

  10. Hiroshi Hoketsu. An den «Spielen der Jugend» bricht der Japaner eine Lanze für alle rüstigen Senioren. Mit 71 Jahren ist der Dressurreiter der Doyen unter den Teilnehmern. Sein Frischhalterezept basiert nicht nur auf Ginseng. Er mache täglich eine Stunde Gymnastik, dehnt den Rücken und stärke die Muskeln, nennt er das Geheimnis der ewigen Jugend. Hiroshi ritt 1964 in Tokio (im Springen) erstmals um olympische Meriten. Weil seine Sehkraft nachliess, sattelte er später auf Dressur um. Genug hat er noch lange nicht: «Ich bin bereit für Rio de Janeiro 2016 – aber möglicherweise ist mein Pferd dann zu alt.»