Sale, pepe e pomodoro

Sale, pepe e pomodoro

Moderatorin Zoe Torinesi tauscht regelmässig Mikrofon gegen Kochlöffel.

Wenn «Isch äs rächt gsi» keine Floskel ist

Er nennt sich «The Real Picky Gourmet», isst sich hauptsächlich durch Zürichs Restaurantvielfalt und hat schon online über Essen geschrieben, als viele Schweizer Foodblogger kaum wussten, was ein Blog genau ist. Foodbloggerin Zoe Torinesi hat mit dem Mann mit dem feinen Gaumen gesprochen.
Restaurantkritiker The Real Picky Gourmet Essen Restaurant Lokale Zürich
© ZVG.

Nicht jeder kann mit der Kritik von «The Real Picky Gourmet» umgehen.

In der Schweizer Gastroszene ist der immer anonym bleibende «The Real Picky Gourmet» durchaus ein Begriff. Und dreimal könnt ihr raten, wen Jamies Redakteure anrufen, wenn sie fürs «Jamie Oliver»-Magazin nach Zürich kommen, um sich gastrotechnische Tipps zu holen. Von diesem kritischen Zeitgenossen wollte ich wissen, wo man in der Limmatstadt unbedingt essen sollte und wie sich einer wie er verhält, wenn ihm so gar nicht passt, was da vor ihm auf dem Teller liegt.

Zoe Torinesi: Real, was macht ein Restaurant «gut» und was «schlecht»?
The Real Picky Gourmet: Da gibts viele einzelne Elemente, aber am Schluss ist es eben doch die Erwartungshaltung des Gastes. Wenn diese erfüllt oder übertroffen wird, ist der Laden gut, sonst nicht. Gerade für Top-Restaurants ist das schwierig, weil die Erwartungshaltung der Gäste von vorneweg sehr hoch ist und kleinste Details dazu führen, dass man leicht enttäuscht ist. Das ist wahrscheinlich wie ein Rendezvous mit der schönsten Frau der Welt: Am Schluss realisiert man, dass ein Abend mit dem Lisi aus Adelboden doch viel besser gewesen wäre.

Was geht gar nicht beim Restaurantbesuch?
Dinge, die mich am meisten nerven, sind Schnoddrigkeit im Service, eine zu enge Bestuhlung und Speisekarten, denen man ansieht, dass sie direkt vom Fertigmenü-Hersteller gedruckt wurden.

Dein schönstes Restauranterlebnis?
Ich organisierte ein Reisli meiner Fussballmannschaft nach Kopenhagen. Für das Gourmetgrüppli reservierte ich in einem Restaurant, das noch spannend tönte, einen Tisch. Drei Wochen vor Abflug wurde eben dieses zum besten Restaurant der Welt erkoren. Wir kamen eher wie Gäste auf der Suche nach einem XXL-Schnitzellokal daher, wurden aber sehr professionell und freundlich empfangen und durften einen gastronomisch absoluten Knaller im «Noma» erleben. Gewisse Mittelfeldspieler haben das Dessert aus Knollen- und Stangensellerie jedoch als eher verstörend erlebt.

Das schlimmste Restauranterlebnis ever?
Da gabs viele. Spannenderweise waren meistens Damen involviert, das lag dann aber nicht immer nur am Restaurant... Etwas vom Saudümmsten, das ich erlebte, war im Zürcher «Dal Nastro». Dort zirkulieren italienische Häppchen auf einem Förderband wie beim Kaiten Sushi. Ich hatte eigentlich einen Platz an der Bar reserviert, um dieses Spektakel zu erleben. Leider klappte dies nicht und der Kellner reagierte wie ein Schulbueb. Er meinte, ich soll an einen Tisch sitzen und an der Schulter eines anderen Gastes vorbei aufs Förderband greifen (setzt einen Arm von zwei Metern Länge voraus). Auf meinen Einwand hin, dass ich das so nicht möchte, meinte er seufzend: «Also wenns für dich würkli eso es Problem isch, denn luegi halt, wasi chan mache» und schaute mich an, als hätte ich eine kleines Kätzchen stranguliert. Ich musste lachen und verliess den Laden umgehend.

Tut es dir manchmal nicht leid, wenn du eine saumässig schlechte Bewertung schreibst?
Nein, wenns saumässig war, dann nicht. Ich habe eine Leistung bezogen und bezahlt, die offensichtlich qualitativ nicht ausreichend war. Wenn ich dies argumentieren kann, dann ist die Bewertung verdient. Das ist wie ein Leichtathletik-Meeting: Es wird nicht das Poteztial, sondern die Leistung am Tag X mit der Goldmedaille belohnt.

Hast du eigentlich eine feinere Zunge als andere? Oder einfach nur eine spitzere?
Meine Zunge ist sicher trainiert, aber feiner als andere ist sie definitiv nicht. Der Gaumen und die Nase sind da ja mindestens so wichtig. Nach meiner Erfahrung sind Frauen besser, wenns um die sensorische Einschätzung geht, als Männer. So lasse ich den Wein lieber von der Dame probieren, deren Eindruck ist meistens treffender und feiner als meiner. Die grosse Ausnahme sind natürlich erste Dates, da muss ich den Mann von Welt markieren... (lacht)

Mit wem würdest du gerne mal dinieren?
Mit Mani Matter selig und Roger Schawinski in der Oberen Flühgasse. Mani Matter ist seit der Kindheit mein absoluter Liebling. Der Sprachwitz, die Coolness und das Bodenständige dieses Mannes finde ich noch heute beeindruckend. Schawinskis entliehenes Credo «You can get it if you really want, but you must try, try and try», seinen unternehmerischen Erfolg und seine unruhige, bissige Art, finde ich, tun der Schweiz sehr gut. Beide zusammen sind für mich atypische, aber sehr prägende Schweizer Persönlichkeiten, da passt das Restaurant mit dem besten gemischten Salat in der Stadt Zürich wunderbar dazu.

Bist du ein Nörgeli beim Restaurantbesuch? Wie reagiert der Real Picky Gourmet, wenn ihm etwas gar nicht passt?
Kommt auf die Stimmung an, manchmal bin ich auch «off-duty». Ich gehe gerne alleine essen und wenn ich dann gefragt werde, wie es war, gebe ich ehrliches Feedback. Ich mache mir dazu Notizen und dann kanns mal sein, dass ich bei fast jedem Gang etwas anzumerken habe. Für mich ist die Frage «Isch es rächt gsi?» in dem Moment halt keine Floskel. Mit Kollegen und vor allem wenn ich eingeladen bin, halte ich mich zurück. Erstens steht die Geselligkeit im Vordergrund und zweitens können nicht alle mit dem Feedback souverän umgehen.

Hattest du schon Reaktionen von Betreibern oder Köchen, nachdem du ein Restaurant kritisiert oder besonders gelobt hast?
Ja, ich bekomme ab und zu ein E-Mail als Reaktion auf einen Artikel und selten habe ich auch eine Diskussion direkt im Restaurant. Hier merkt man, wie gut der Service wirklich ist und wie professionell die Gastronomieausbildung war. Ich mag nicht so ein Fan von grossen Ketten sein, aber eines muss man zum Beispiel den Bindella-Läden lassen: Die Angestellten sind hervorragend geschult, sehen Reklamationen als Möglichkeit zur Verbesserung und fühlen sich nicht auf den Schlips getreten. Das ist beim ach-so-lässigen Café mit integriertem Strickwarenladen und veganen Sandwiches seltener der Fall.

Das sind die Zürcher Lieblingsrestaurants von «The Real Picky Gourmet».

Mehr aus Zoe Torinesis Kulinarik-Welt finden Sie auch auf ihrer Website cookinesi.com. Im Dossier von SI online: Weitere «Sale, pepe e pomodoro»-Blogs.