Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Bye Jimi Hendrix - Hello Antoine

Remady oder Swedish House Mafia sind sowas wie Jimi Hendrix oder AC/DC der Neuzeit, findet Zoe Torinesi. Die Bloggerin fragt sich gar, ob wir als Senioren dann plötzlich sagen: «‹Sexy Bitch› von David Guetta - das war noch Musik!»

Es ist schon der Wahnsinn, wie sich dieses ganze Nightlife-Ding entwickelt hat. Gestern habe ich mit meinem Papa telefoniert, er will mit 65 Jahren noch Gitarre spielen lernen, was ich echt cool finde. Zu seinen Heros zählen nach wie vor Jimi Hendrix, Angus Young von AC/DC oder Carlos Santana. Er fände dieses ganze elektronische Zeug von heute einfach nur Müll, das sei ja keine richtige Musik, einen Produzenten könne man nicht mit Songwritern von früher vergleichen, sagt er. (Exakt dasselbe hat mir Polo Hofer mal während eines Interviews ins Gesicht gebellt. Ich hatte ihn an den Swiss Music Awards interviewt und wollte von ihm wissen, ob er denn Remady kenne. Boh, ist der Polo sauer geworden: «Was isch de das fürne Schiissdräck? Das isch doch ke Musig! Fahrmer ab mit so Seich!» Das war echt schräg, und Polo ist mir seit dem auch nicht mehr symphatisch. 


Was die Rockstars in den 70er waren, sind heute halt tatsächlich David Guetta, Avicii und Co. Ob mans wahrhaben will oder nicht. Die kleinen Jungs von heute wollen DJs werden. Kein Wunder, Antoine inszeniert sich mit seinem Bentley und erzählt nur von Kaviar und Champagner, und davon, wie toll sein Leben sei. Die schönsten Frauen tätowieren sich «I love Tiësto» auf den Hintern und Avicii ist so berühmt, dass man von ihm neben Glacés auch T-Shirts, iPhone-Hüllen, USB-Sticks und vielleicht irgendwann einmal auch Klopapier kaufen kann. Übrigens eröffnet der Schwede in ein paar Tagen sein eigenes Hotel in Miami.

Nach dem Telefonat mit meinem Dad bin ich dann beim Zappen auf Sat.1 hängen geblieben, wo man sich beim Promiboxen ordentlich auf die Birne gehauen hat. Und wer tritt da als Showact auf? Unser guter alter Antoine. Wie viel der wohl kassiert? Sicher nicht ganz so viel wie die meistverdienenden Plattendreher der Welt. Laut «Forbes»-Liste sackt der Niederländer Tiësto am meisten ein (250'000 Dollar pro Gig!), gefolgt vom schrägen Emo Skrillex (total um die 15 Millionen Dollar im Jahr), die Swedish House Mafia muss den 14-Millionen-Jahresverdienst durch drei teilen, dafür darf David Guetta seine 13.5 Millionen alleine behalten. Krass, oder? Unterhaltsam ist auch, wie sich viele der Musiker präsentieren - zu denen zählt definitiv DJ Antoine: Er zieht mit seinen Klamotten, den Autos, seiner hübschen Freundin und den Uhren, für die er wirbt, eine riesige Show ab. Ich respektiere den Paradiesvogel, er zieht sein Ding durch, egal, was andere denken, das braucht Mut – gerade in unserem bescheidenen Land. Oder Deadmau5, der lässt via Twitter und Facebook die ganze Welt an der Liebe zu seiner Verlobten Kat von D teilhaben, sogar den Heiratsantrag hat er ihr per Twitter gemacht - wie romantisch.

Es gibt aber einen Schweizer, den die grosse Masse nicht kennt und der ohne grosses Tamtam international wohl am erfolgreichsten ist. Der Schweiz-Chilene Luciano gehört in der Underground-Szene zu den absoluten Stars und füllt nicht nur in Italien oder Rumänien ganze Stadien. Mit seinen USA- und Südamerikatourneen oder den Residencies in Ibiza wird auch er sich schon längst in die Garde der Multimillionäre eingereiht haben. So dreht sich unsere Kugel weiter, Jimi Hendrix und Janis Joplin haben Axwell und Carl Cox Platz gemacht. Und wenn wir einmal im Altersheim sitzen, werden wir dann den guten alten Zeiten mit David Guetta nachweinen? Werd ich dann zu Cosma-Shiva im Rollstuhl neben mir sagen: «Kannst du dich noch an ‹Sexy Bitch› erinnern - das war noch Musik!»

Alle «Saturday Night Fever»-Blogs von Zoe Torinesi finden Sie hier.