Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Ein Abgesang auf das Hipstertum

Zu cool, um Feldschlösschen zu trinken. Zu cool, um Marken zu tragen. Zu cool, um Die Ärzte zu hören. Blogger und DJ Ramon Joss erlebte am Zürich Openair mal wieder, was es heisst, ein richtiger Hipster zu sein.
Blog Ramon Joss: Hipster am Zueri Openair
© via Tumbler

Lieber ein Tiger als ein Lacoste-Krokodil auf dem T-Shirt - Hipster machen sich viel Gedanken über ihre Kleidung.

Jedem das Seine. Dies vorweg. Das hat mir meine Mutter ganz früh mit auf den Weg gegeben. Ich versuche stets, zu leben und leben zu lassen - und meinen Mitmenschen grösstmögliche Toleranz entgegenzubringen. Verdammt schwer fiel mir das vergangenen Donnerstag aufgrund einer (in dieser Dimension) selten gesehenen Häufung von Menschen der Spezies «Hipster» am Zürich Openair. 

Schon länger frage ich mich immer mal wieder, was das Ganze eigentlich soll. Ein Rennvelo ist doch irgendwie verdammt unbequem im Schritt. Ein tätowierter Unterarm bereitet zweimal Schmerzen, beim Stechen und beim wieder Entfernen, wenn man Jahre später merkt, dass man mit dem Gekritzel nichts mehr anfangen kann. Eine passende Hornbrille zu finden, kann mühsam sein und gibt optisch längst nicht bei jedem viel her. 

Und: Gibts wirklich nur in Lokalen mit extravaganten Namen in der Langstrassengegend gute Kaffeemischmaschs? Ist ein Nestea manchmal nicht genau so erfrischend wie ein Lotusblüten-Thai-Lemongrass-Hibiskus-Mandarinen-Aufguss? Und ist es richtig, jegliche Musik, die annähernd beim Mainstream liegt, zu verurteilen? 

Ansichtssache! Aber letzten Donnerstag. An besagtem Anlass. Beim Gang zur Toilette. Zwei Typen vor mir. Drei-Tage-Bart, hochgekrempelte Röhrlijeans. Leicht gebückte Haltung, desinteressierte Körpersprache, kein Augenkontakt zueinander. «Dä Sound bi dä Nine Inch Nails isch uh schlecht abgmischt xi.» Ich bekam Lust, sie zu ohrfeigen.

Wenig später, Schauplatz Winston Dome. Animal Trainer und Nici Färber liessen fetten Sound vom Stapel. Sicher zwei Drittel des Zeltes waren bevölkert von diesen Dreieckrucksäckli mit ganz dünnen Schnüren, die sicher sehr angenehm sind, wenn der Inhalt ein gewisses Gewicht hat. Und deren Trägern. 

Anlass für mich, mit einem Kumpel von Nici dieses Thema aufzugreifen. Der erzählte mir von einer Episode, in der ein Bekannter von ihm aus der Hipster-Ecke (welche es zwar laut den Leuten aus selbiger gar nicht gibt) ihn allen Ernstes anfuhr, was er denn für Marken-Shirts trage. Das gehe ja gar nicht. Er soll doch mal in Brockenhäusern shoppen gehen.

Echt jetzt, Leute. Nehmts doch mal locker. Schliesslich ist die Tiefgründigkeit dieses Lifestyles mit dem Meter-über-Meer-Spiegel Venedigs vergleichbar. Wer seid Ihr denn, anmassend zu sein? Hört Ihr doch heimlich zu Hause auch «Get Lucky» auf repeat und trinkt genüsslich ein Feldschlösschen. Dann, wenns niemand sieht.

Jedem also das Seine, Mann!

PS: Kompliment an die Macher des Zürich Openair. Toller Anlass, tolle Bands, besonders Die Ärzte. Welche man hipsterfrei geniessen konnte. Da wohl viel zu Mainstream.

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