Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Fall Chuck Berry: Der Kunde ist König

Ein Konzertbesucher von Chuck Berry bekam die Ticketkosten zurückerstattet - weil die Musiklegende an jenem Abend im 2013 nicht in Bestform war. Was, wenn dieser Fall Schule macht? Virginia Gomez alias DJ TapTap ist bestürzt.
Chuck Berry Konzert
© Keystone

Konzert mit Folgen: Weil einem Besucher Chuck Berrys Auftritt nicht gefiel, verklagte er den Veranstalter. Und bekam Recht.

Letzte Woche habe ich einem siebenjährigen Kind versucht zu erklären, was ein DJ genau ist. Gar nicht so einfach. Was er tut, kann man noch einigermassen beschreiben. Aber was sind DJs denn nun? Künstler? Sollten doch auch eine Dienstleistung vollbringen. Oder haben Künstler heutzutage einfach einen anderen Status als früher? Geht es unterdessen mehr um den Konsumenten? Wir DJs beschweren uns ja immer mal, dass wir uns nicht wirklich ausleben können und uns auf den Status einer Jukebox herabgesetzt fühlen. Nun belehrten mich die Finnen eines Besseren. Oder anders gesagt: Die Konsumenten scheinen in jeglichen Bereichen immer mehr Mitspracherecht zu haben und DJs haben gar nicht so ein schlechtes Los gezogen.

In Finnland hat ein Gericht kürzlich ein drastisches Urteil gefällt. Im Jahre 2013 spielte die Rock'n'Roll-Legende Chuck Berry ein Konzert. Der damals 86-Jährige schien in keiner guten Verfassung zu sein und entschuldigte sich bei seinem Publikum während des Auftrittes (zog das Konzert aber durch). Ein «Fan» ärgerte sich so sehr über die Performance, dass er vor Gericht zog und sein Geld zurück verlangte, weil seine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Nun bekam er vom Gericht sein Recht zugesprochen und die Konzertveranstalter mussten 50 Prozent des Eintrittspreises zurückerstatten. Dieser Präzedenzfall hat nun wohl Tür und Tor für einen neuen Trend geöffnet. Fällt in Zukunft das Urteil der Konzertbesucher mehrheitlich negativ aus, kann in Finnland der Ticketpreis zurückgefordert werden. Ich bin etwas bestürzt.

Natürlich erlebte ich auch schon Konzerte, die meiner Meinung nacht schlecht waren. Aber so etwas ist doch subjektiv. Gerade heutzutage klingen erstens viele Sänger live nie so wie auf der CD (der Technik im Tonstudio sei Dank), zweitens gibt es Künstler, die viel mehr Wert auf die Bühnenshow legen und selber mehr tanzen als singen. Und drittens gibts die Fälle, die eine schwere Zeit hinter sich haben und dementsprechend nicht mehr fit sind. Es ist doch klar, dass ein Chuck Berry in seinem hohen Alter nicht mehr die gleiche Energie aufbringt wie vor dreissig Jahren. Es liegt doch auch in der Verantwortung des Konzertbesuchers, sich vorher zu informieren und dementsprechend seine Erwartungen anzupassen. Ich spreche hier nicht von abgesagten oder abgebrochenen Shows, das ist logischerweise ein gänzlich anderer Fall.

Interessant ist, dass es eine Klausel in besagtem Gerichtsbeschluss gibt: Wenn ein Künstler den Ruf eines Rüpels, Trunkenboldes oder Drogenkonsumenten hat, dann MUSS der Besucher mit einer dementsprechenden Show rechnen und es gibt keine Rückerstattung. Aber krank oder alt darf ein Sänger nicht sein. Wow.

Man stelle sich vor: Demnächst verlangt man sein Geld im Kino zurück, weil man sich den Schluss des Filmes anders gewünscht hätte. Oder ich möchte mein Fitness-Abo nicht mehr bezahlen, weil ich nicht schnell genug einen Traumkörper bekommen habe. Oder die Stadt-Badi wird verklagt, weil es die ganze Saison zu viel geregnet hat und man nicht so oft schwimmen konnte. Oder natürlich: Die Clubs müssen allen Gästen die Getränke zurückerstatten, weil der DJ ein gewünschtes Lied nicht noch einmal gespielt hat.

Selbstverständlich spreche ich aus der Sicht einer Künstlerin und bin mir natürlich bewusst, dass es auch schwarze Schafe unter uns gibt, die eine schlechte Show abliefern. Aber ganz ehrlich: Schuster, bleib bei deinen Leisten. Warum sich das Recht rausnehmen und die Mühe machen, andere Berufsgattungen zu verklagen - man wird ja schliesslich nicht gezwungen, eine Veranstaltung zu besuchen. Selber studieren und gegebenenfalls etwas boykottieren ist doch viel effektiver.

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