Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Staatlich finanzierte Fehlinfos & ein Hörtest

Clubs machen taub und DJs sind sowieso hörgeschädigt? Von wegen! Blogger Ramon Joss alias DJ Ray Douglas machte die Probe aufs Exempel.
Blog Satuday Night Fever Ray Douglas Themenbild Hörvermögen
© Ramon Joss

Der Beweis: Bis auf eine leichte Schädigung im hohen Frequenzbereich ist das Gehör von DJ Ray Douglas immer noch perfekt.

Dass in einigen Kantonen die Vorschriften für Clubs punkto Lautstärke immer absurder werden, ist eine traurige Tatsache. Kürzlich musste das Berner «Wasserwerk» umziehen, da sie zuletzt die Auflage hatten, Musik maximal 80 Dezibel (dB) laut zu spielen. Laut ist allerdings der falsche Ausdruck, denn 80 dB entsprechen in etwa dem Klingeln eines Telefons. Auch aus dem Kanton St. Gallen kam mir letzthin ein Fall zu Ohren, bei dem der zuständige Beamte eine Messung in einer Bar vornahm, indem er sein Gerät direkt vor die Box hielt und diesen Wert ablas - was natürlich niemals den relevanten Mittelwert im Lokal wiederspiegelt.

Kürzlich bin ich nun per Zufall über die Internetseite www.laermorama.ch gestolpert, die als Sinnbild für die Willkür der Behörden in dieser Sache steht. Diese Seite, ein Projekt des Cercle Bruit (der Vereinigung kantonaler Lärmschutzfachleute), die in das Zürcher Tiefbauamt eingegliedert ist, strotzt nur so vor Behauptungen ohne Quellenangaben, Halb- und Unwahrheiten wie beispielsweise der Aussage, dass die gesetzlich maximal erlaubten 100 dB in einem Club der Lautstärke einer Kettensäge entspreche - eine Kettensäge rattert mit etwa 120 dB.

Dem Fass den Boden aus schlägt aber folgender Absatz aus, unter dem Titel «Der DJ-Effekt»:
«Da es schon nach kurzer Zeit in der Disco zu einer temporären Vertäubung der Ohren kommt, wird der gleiche Schallpegel nach einer Stunde viel leiser empfunden als am Anfang. Der wahrscheinlich eh schon hörgeschädigte DJ erhöht daher unbewusst die Lautstärke, bis der Sound nach ein paar Stunden doppelt so laut ist. Bei den Discogästen bleibt der Effekt meist unbemerkt, da diese auch mit jeder Stunde etwas weniger hören. Wer also glaubt, er habe sich an die Lautstärke gewöhnt, ist in Wirklichkeit nur taub geworden. Das Gefühl von Watte in den Ohren geht zwar rasch wieder vorbei, doch wie bei einem Sonnenbrand rächen sich auch hier die Jugendsünden.»

Ich traute meinen Augen nicht. Nachdem ich den Text noch zweimal gelesen hatte und mir der unglaublichen Frechheit und Dummheit dieser Aussage voll bewusst wurde, beschloss ich, zwei Dinge zu tun. Den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und mich zu vergewissern, dass dieser Schwachsinn tatsächlich mit meinen Steuergeldern finanziert wurde. Und mich einem Hörtest zu unterziehen.

Das Telefongespräch verlief wie erwartet. Der sehr nette zuständige Herr gab mir die Auskunft, dass die Informationen auf der Seite zu einem Grossteil durch Zivildienstleistende zusammengetragen worden seien, was nach einer Art Entschuldigung für die komplette Amateurhaftigkeit und die fatalen Fehlinformationen klang. Die Passage über die «hörgeschädigten DJs» bezeichnete er lächelnd als «etwas unglücklich».

Der Hörtest brachte erstaunliche Ergebnisse zutage: Bis auf eine leichte Schädigung im hohen Frequenzbereich, die laut dem Experten auf einen Knall zurückzuführen sein müsse, ist mein Gehör nach zehn Jahren als professioneller DJ nach wie vor perfekt. Eine ebenfalls anwesende Hörberaterin bezeichnete es gar als «jungfräulich». Der Knall dürfte übrigens ein Pistolenschuss im Militär gewesen sein...

So sehr ich mich auch über meine Jungfräulichkeit freue - der Ärger über das «Lärmorama» ist nicht verklungen. Wer mir nicht glaubt, kann sich übrigens hier selbst ein Bild machen.

Abgesehen von der beleidigenden Aussage ist übrigens sowieso die komplette Behauptung Blödsinn. Die angesprochene «Vertäubung» ist ein Schutzmechanismus des Körpers, wie einer Studie des Hörforscher Dr. med. Eckhard Hoffmann, Hörforscher der Universität Ulm, zu entnehmen ist. Hoffmann hat ebenfalls belegt, dass regelmässige Discobesuche sich keineswegs negativ auf das Gehör auswirken, die ganze behördliche Schikane ist also komplett unnötig.

Vielleicht lassen sich ja die kantonalen Lärmschutzfachleute eines Tages von den sehr aufschlussreichen Erkenntnissen, die übrigens beispielsweise hier nachzulesen sind, überzeugen. Für das «Wasserwerk» und andere Clubs käme dies allerdings zu spät.

Weitere «Saturday Night Fever»-Blogs finden Sie im SI-online-Dossier.