Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Deep House: Too big to fail oder schon vor dem Ende?

DJ Ray Douglas sinniert über die verschiedenen Richtungen, die die House-Musik eingeschlagen hat. Von Fidget House über EDM bis zu Deep House - der Nightlife-Blogger vergleicht die Stile und erklärt, wieso kommerzieller Erfolg nicht das Ende der Musik bedeutet.
DJ Ray Douglas frag sich, ob Deep House seinen Zenit überschritten hat
© Getty Images

Hat der Musikstil Deep House seinen Zenit bereits überschritten? DJ Ray Douglas zieht Bilanz.

Reden wir mal über Musik. Deep House ist zurzeit in aller Munde und aller Ohr. Etwas zu sehr, wie manche Menschen finden. Ich habe mir so meine Gedanken gemacht und einen Vergleich gezogen.

2008: Einige Freaks beginnen Fidget House zu spielen. Der Sound blüht bald im «Untergrund». Das junge Volk findets toll, immer mehr Produzenten versuchen sich daran. Fast zeitgleich dazu entwickelt sich in Holland der Dirty Dutch.

Die Vermischung beider Sub-Genres mit dem «Mainstream» aus Schweden folgt. EDM oder Progressive House wird riesig - fast weltweit. Die DJ-Gagen der entsprechenden Protagonisten schiessen in astronomische Höhen. Selbst für solche, die gerade mal einen einzigen Hit veröffentlichen.

Heute: Die Blase hält. Zumindest in den USA. In Europa befindet sich EDM im Wachkoma. Alle Schaltjahre taucht in der Flut der immer gleich klingenden Tracks mal wieder ein Lebenszeichen in Form von etwas Innovativem auf. Die Entwicklung stagniert, dennoch ist EDM omnipräsent.

Szenenwechsel - 2010: Ein Mann namens Solomun erhält dank einiger Veröffentlichungen seines Labels Diynamic und dessen Künstlern praktisch über Nacht breite Beachtung. Schweizer und deutsche Produzenten, die schon eine Weile ihr Ding in Form von groovigen Tracks um die 120 Beats per Minute machen, kriegen plötzlich mehr Bookings. Einschlägige Releases erscheinen bald in den Charts und werden am Radio gespielt.

Heute: Selbst in den tiefsten Agglomerationen kriegt man als DJ in den Clubs Deep-House-Musikwünsche. Weitherum bekannte Mitläufer posten auf Facebook entsprechende Tracks. DJ-Opfer, die nie etwas mit dem Sound am Hut hatten, «spielen eigentlich nur noch deep». Der Meisterdieb der Musikszene, Flo Rida, benutzt Samples aus dem Genre für seine Machwerke. Langsam aber sicher ähneln sich viele Releases. «Szenekenner» erklären Deep House schon für unheilbar krank.

Droht Deep House also ein ähnliches Schicksal? Steht das Ende der Kreativität bevor, nun da Deep House Kommerz ist? Ist die Musikrichtung überhaupt noch cool? Killt der Hype gar die seit fast 30 Jahren im «Untergrund» beliebte Stilart?

Kaum. Ich gehe davon aus, dass sich das Ganze nach dem Winter beruhigen wird, dass «deep» noch «deeper» wird und dass nächsten Frühling und Sommer Nu Disco (fröhlicher) und Techno (treibender) «hip» sein werden.

Was ich mir in dem Zusammenhang wirklich wünschen würde, ist das Ende dieser unsäglichen, immer wiederkehrenden Diskussion darüber, ob denn ein Soundstil noch «cool» ist, wenn sich kommerzieller Erfolg einstellt. Man denke einfach an die Künstler. Ich kenne keinen, der nicht gern First Class an einen Gig fliegen würde, statt mit dem Tram zu einem zu fahren. Darüber gibts wohl keine zwei Meinungen: Ehrlicher Erfolg ist immer hip!

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