Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Dance-Festivals: Kulturgut oder herzlose Abzocke?

Immer diese alte Leier! DJ Ray Douglas nervt sich über einen Artikel von Seth Troxler. Der Star-DJ beschwert sich über Neonstäbe, Pyrotechnik und Lasershows an Festivals, lässt sich aber dennoch buchen. Äusserst inkonsequent, wie unser Blogger findet.
Techno Festival Tanzen Frau
© Keystone

Es ist Geschmackssache, wie Partygänger die Nächte durchfeiern wollen.

Der amerikanische Star-DJ Seth Troxler sorgte vergangene Woche mit scharfzüngigen Kommentaren zur Entwicklung der Dance-Musik für Aufsehen. Er bemängelt in seinem Blog die Kommerzialisierung und Überflutung durch neue Festivals, die wie Pilze aus dem Boden schiessen. Ausserdem fehle es an Qualität - wie das auch auch bei Headlinern wie Avicii oder Steve Aoki der Fall sei. Auch lässt sich Troxler über EDM (elektronische Tanzmusik) aus und bezeichnet die Stilrichtung als lächerliche Musik, die von lächerlichen Leuten gemacht wird.

Der Artikel erhielt enorme Aufmerksamkeit. Zu Unrecht, wie ich meine. Immer dieselbe Leier! Klar, der Mann gehört zu den meist respektierten DJs überhaupt, da hört man natürlich hin. Aber im Grunde genommen sind seine Äusserungen nichts anderes als die «Früher war alles besser»-Klagelieder, die gewisse ältere Protagonisten des hiesigen Nachtlebens regelmässig von sich geben. 

Auch ich beobachte insbesondere die Überflutung durch neue Festivals kritisch und finde viele dieser Anlässe persönlich recht überflüssig. Aber was hier passiert, hat ganz einfach mit Angebot und Nachfrage zu tun - die Kids wollen im Freien feiern, also gibt man ihnen, was sie wollen. Dass es aufgrund der Masse an Anlässen schwierig wird, sich die qualitativ guten auszusuchen, die mit Herz veranstaltet werden, ist bedauerlich. Die intelligenteren Festivalgänger werden sich ihren Weg durch den Dschungel aber bahnen können. Und wenn nicht, dann haben sie halt mal Geld für Mist ausgegeben, wissen es beim nächsten Mal aber besser.

Spätestens an dem Punkt in seinem Erguss, wo er über ein Foto einer koksenden Partygängerin, die sich die Substanzen vom Unterleib einer anderen jungen Dame reinzieht, ein Urteil fällt, ist seine Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen: An einem Festival findet er das ekelhaft, in einem dunklen Club hingegen heiss. An dem einen Ort ist es exzessiver Trash, am anderen eine Auflehnung gegen die Gesellschaft? Bullshit. Es ist ein und dasselbe - ein Ausfall inmitten sinnfreier, aber befreiender Feierei. Ich werte nicht. Ich sage nur, was es in meinen Augen ist. 

Er sagt, dass er oft an diesen massiven Festivals, für die er gebucht würde, herumlaufe. Und: In 90 Prozent der Fälle sei das, was er da sehe, grauenhaft. Lieber Seth Troxler, Du magst den ganzen Zirkus mit Lasern, Pyrotechnik und Neonstäben nicht? Dann nimm doch diese Bookings nicht an. Du bemängelst, dass es bei diesen Anlässen nur um die Kohle geht, verdienst aber genau damit Unmengen? Wer im Glashaus sitzt... Glaubwürdigkeit ade!

Künstler, die in der EDM seelenloses Gehämmere produzieren, gibt es in jeder musikalischen Sparte. Vieles von diesem Deep House, der in Europa zur Zeit regiert, ist einfach Spam, welcher in kürzester Zeit zusammengeschustert wird.

Am Ende des Tages dreht sich der ganze Zirkus doch einfach darum, dass die Leute unterhalten werden wollen. Die einen halt mit Kuchenschlachten à la Steve Aoki, die anderen in dunklen Verliesen mit Lampionen und MDMA-Bowlen. Jedem das seine. Und das Ganze war schon immer auch ein Geschäft, da können die Veteranen jetzt wieder sagen, was sie wollen. Mit Säcken voller Geld läuft heute - zumindest hierzulande - kein Veranstalter mehr nach einem Grossanlass nach Hause. Vor 15 Jahren hingegen schon...

Weitere «Saturday Night Fever»-Blogs finden Sie im SI-online-Dossier.