Saturday Night Fever

Saturday Night Fever

Trends und Tücken im Nachtleben - scharf beobachtet von DJ TapTap.

Im Wandel der Zeit

Bloggerin und DJ Virginia Gomez alias TapTap sinniert über die zahlreichen Veränderungen in ihrem Beruf. Und sagt, was sie sich für die Zukunft der Clubszene wünscht.
DJs im Club
© Getty Images

DJs werden heute gefeiert wie Stars - vor einigen Jahren noch unvorstellbar.

Die Clubszene befindet sich im ständigen Wandel. Trends werden geboren. Und wieder begraben. Was heute in ist, kann morgen schon wieder verpönt sein. Auch die ganze Philosophie der Clubs hat sich in den letzten Jahren immer wieder verändert. Und mit ihr natürlich auch die Bedeutung eines DJs.

Zur Zeit von meiner Mom war der DJ nebensächlich und hatte oft nicht einmal einen Künstlernamen oder grosse Ambitionen. Ein Lied aus den Charts wurde von Anfang bis zum Ende gespielt, dann kam das nächste Lied - immer schön eins nach dem anderen. Gemixt wurde nichts, und die einzelnen Songs musste deshalb auch nicht zusammenpassen. Heute nennen wir das «Bravo-Hits-DJ» - Lieder kreuz und quer zusammenwürfeln. In unserer Zeit ein absolutes No-Go, aber in den 80er-Jahren störte sich niemand daran. Man ging in die Discos, um seine Freunde zu sehen, zu lachen und zu trinken.

Das DJing wie wir es heute kennen - als Kunst, in der Skills eine Rolle spielen - begann ebenfalls in den 80ern, jedoch im Untergrund, in der Hip-Hop-Szene. Und das war auch die Zeit, in der sich die Musik in den Clubs langsam «aufzuteilen» begann. Diverse sich abgrenzende Szenen formierten sich.

In den 90er-Jahren hatten die Clubs eine komplett neue Form angenommen. Die Musik trat an erste Stelle, und somit gewannen auch die DJs an Bedeutung. Plötzlich mussten Übergänge perfekt passen, kein Lied wurde bis zum Ende gespielt. Das war die Zeit des guten alten Vinyls. Auch entstanden zwei Hauptszenen in Clubs: Hip-Hop und elektronische Musik. Aber sogar der Halligalli-DJ fing an, sich ein bisschen im Scratchen zu üben.

Diese zwei Szenen hatten aber so gar nichts miteinander zu tun, man mied sich sogar. Hip-Hop brachte seine Elemente in die Clubs, es wurde getanzt, gerappt, und der DJ zeigte seine Tricks. In der elektronischen Szene gab es plötzlich von Songs 50 verschiedene Remixes, und die Leute strömten in die Clubs, um neue Musik zu hören und nächtelang durchzutanzen. Zudem gab es viele Blockpartys oder Raves, von denen man nur wusste, wenn man der Szene angehörte.

Dann kamen das Millenium und damit der Startschuss zu einer neuen Dekade. Langsam aber sicher standen die Clubs selbst im Vordergrund, sie gewannen ein Stammpublikum. Die Musik fing sich langsam an zu vermischen und trat wieder etwas in den Hintergrund, oftmals legten ein House- und ein Hip-Hop-DJ abwechselnd an einer Party auf. Zuvor noch undenkbar! Um Einlass in einen angesagten Club zu bekommen, musste man sich an Dresscodes halten. Partyportale schossen wie Pilze aus dem Boden, und die Clubgänger fingen an, mehr Wert auf ihr Styling zu legen. Die Preise stiegen, die Drinks wurden exklusiver.

Bei den DJs fand ebenfalls eine Revolution statt - House-DJs spielten auf CD Playern, die Hip-Hop-DJs stiegen auf Serato um (eine Software, dank der man via Notebook die Musik auf magnetische Platten im Vinyl-Look laden und spielen kann). Die Zeit des mühsamen Plattenkoffer rumschleppen und ständigen Raussuchen der grossen Langspielplatten war vorbei. Man traf sich nicht mehr jede Woche im Plattenladen, weil man die Musik via Internet als MP3 kaufen konnte.

Ich selber stieg relativ spät um, weil ich ziemlich an meinen Vinyls hing. Aber als mir an einem Abend zwei volle Plattenkoffer gestohlen wurden, entschloss ich mich zu einem Neubeginn. Es war schliesslich eine gute Entscheidung, vor allem weil man bei Auslandgigs viel bequemer reisen kann. Alles hat im Handgepäck Platz, und ich muss nicht immer zittern, ob die Koffer auch wirklich ankommen.

Etwa um das Jahr 2005 herum kamen die sogenannten Mashups auf - will heissen: ein Mischmasch aus allen möglichen Stilen, von Rock über Hip-Hop mit Elektrobeats bis hin zu Ragga oder Charts. Die Szenen vermischten sich endgültig. DJs mussten lernen, aus ihrem Genre auszubrechen, und man hatte ein sehr gemischtes Publikum zufriedenzustellen. Dies hatte zur Folge, dass in den meisten Clubs in etwa das selbe gespielt wurde. Nun wurde es für einen DJ schwierig, sich von den anderen zu unterscheiden. Entweder man ging in der Masse unter, oder man hob sich ab - zum Beispiel mit eigenen Musikproduktionen. DJs wie David Guetta schafften es, sich weltweit einen Namen zu machen und - wie früher nur die Rock- oder Popstars - gefeiert zu werden. Noch nie zuvor hatte ein DJ die Möglichkeit, Tausende von Fans in eine grosse Location zu locken, als Konzert gehandelt zu werden und somit Unsummen an einem Abend zu verdienen.

In den letzten paar Jahren wurde nun wieder einmal alles auf den Kopf gestellt, der nächste Wandel hat sich angekündigt… Clubs galten plötzlich als lukrativ, und das rief viele - unerfahrene - Leute auf den Plan. Lokale schossen wie Pilze aus dem Boden. Und mussten oft schnell wieder schliessen. In der  Zukunft werden sich nur diejenigen durchsetzen, die dem Publikum wirklich etwas bieten können: Guter Service, freundliche Türsteher und ein gutes Ambiente sind unerlässlich. Das Publikum erwartet etwas für sein Geld. Und das ist auch richtig so!

Das gilt auch für die DJs: Dank neusten technischen Möglichkeiten (sogenannte Controller, die selber mixen und dafür sorgen, dass man das Handwerk eigentlich gar nicht beherrschen muss) möchten zahlreiche Prominente und viele Models noch etwas Geld zusätzlich verdienen. Aber um ein guter DJ zu sein, muss man mehr haben als einen Namen aus der Klatsch-Presse. Man muss eine Stimmung kreieren und auf die Leute eingehen. Sonst wendet sich das Publikum schnell ab und wird gelangweilt.

Momentan spüre ich stark die Tendenz, dass die Leute kein Musik-Chaos wünschen und sich die Szenen wieder etwas voneinander trennen. Die junge Generation ist selber aktiv, oft bilden sich «Circes» in den Clubs, in denen Battles stattfinden und getanzt wird. Langweilig rumstehen kann man schliesslich auch an der Busstation…

Ich persönlich wünsche mir, dass die Clubs wieder eine in sich verschworene Gesellschaft werden und jeder in seinem Bereich tätig sein kann. Ein Barman, der mit Flaschen jongliert, ein Publikum, das tanzt und wirklich Spass hat, Tänzer oder Musiker, die für Unterhaltung sorgen, DJs, die neue Musik präsentieren und den Sound spielen, vom dem sie wirklich eine Ahnung haben und der ihnen persönlich zusagt, Partys, die ihr Stammpublikum halten können...