Pauline Broccard

The Sound of Africa

SI-Volontärin Pauline Broccard arbeitet für drei Monate in Kenia beim Ringier-Nachrichtenportal Pulse Live. Sie schreibt über ihr neues Leben in Nairobi

Blumen aus dem Paradies

Nach vier Monaten in Nairobi sitzt unsere Bloggerin Pauline Broccard weinend am Flughafen. Kurz vor dem Boarding schaut sie auf enge Freundschaften zurück, die sie jetzt verlassen muss.

Mein Koffer ist zu schwer. Ich weiss es. Dazu trage ich einen Rucksack auf dem Rücken und einen auf der Brust. So komme ich nie durch. Ich weiss es. Nairobi Flughafen. Es ist Zeit. Ich weiss es. Trotzdem will ich nicht. Gehen muss ich. Nach vier Monaten.

In meiner Hand halte ich zwei Blumen. Der erste Sicherheitsbeamte nimmt sie mir ab. Schaut kritisch, untersucht die Blumen – nach Drogen? Ich will sie nicht aufs Rollband legen, sie würden kaputt gehen. Die Paradiesvogelblume ist verwelkt, ausgetrocknet, zerbrechlich – tot. «Danke für die Blumen!» Der Swiss-Beamte am Check-in lächelt mir zu. «Die eine sieht aber nicht mehr so gut aus.» Ja, die Paradiesvogelblume. Sie ist das Zeichen einer Freundschaft, erkläre ich ihm. «Huch, ist die Freundschaft gestorben?», fragt er mit aufgerissenen Augen. Nein, die Freundschaft hat gerade erst begonnen. Rückblick auf meine letzten Stunden in Nairobi.

Radwa. Die Paradiesvogelblume hat sie geklaut. Eines Abends in der Alchemist Bar. Movie and Burger at the Alchemist. Crazy ist sie, die Ägypterin, die während eines Films nicht flüstern kann. Und sie stellt die Blume in eine leere Weinflasche. Nicht ganz leer, was der Blume nicht gut tut. Doch Recht hat sie, wenn sie mir die Blume zum Abschluss gestern Abend um 01:00 bei meiner Party schenkt und sagt: «Diese Blume steht für unsere Gruppe ‹Decadence and Vice›. Dekadenz und Untugend.»

Ich sitze beim Gate. Drei weitere Sicherheitskontrollen bin ich durchgegangen. Zum einen werde ich als «the flower girl» bezeichnet, zum anderen werde ich gefragt, wer mir erlaubt hat, Blumen mitzunehmen. Die Rose sieht nun auch nicht mehr so frisch aus.

June. Die Rose hat sie mir gestern geschenkt. Einem Blumenhändler vor dem Club um 04:00 abgekauft. June ist meine Shot-Partnerin. Gestern gabs aber keine. Irgendwann ist einfach zu viel. Die Kenianer vertragen echt eine Menge Alkohol. Ich nicht so, aber jetzt sicherlich mehr als zuvor.

Ich weine. Versuche es zu unterdrücken. Kaue auf meiner Unterlippe rum. Sitze als einzige den anderen wartenden Passagieren gegenüber. Wieso auch immer. Denn so sieht es jeder. Meine Blumen habe ich auf den Sitz neben mir gelegt. In meiner Hand halte ich nun eine Karte Kenias. Auf der Rückseite lese ich, was mir meine Freunde geschrieben haben. «Ich wusste, dass ich eine gleichgesinnte Seele gefunden habe, als ich entdeckte, dass du das Gefühl ‹sich selber von aussen zu beobachten› auch kennst und verstehst», schreibt Shiko.

Shiko. Von aussen habe ich mich um 06:00 beobachtet, im Auto auf dem Weg zur Dachterrasse mit Infinity-Pool. Die Kenianerin im Arm eines Kollegen. Sie sind sich während des Abends näher gekommen. Wir anderen sind im Uber neben sie gequetscht, einer sitzt sogar im Kofferraum. «Nein, alle kann ich nicht mitnehmen.» «Ach, ich zahl dir das Doppelte, es ist nicht weit», sagt einer. So läuft es halt in Nairobi. Ich liebe es. Shiko scheint glücklich. Ein Blick genügt, um zu wissen, was sie denkt. Auch sie hat das Gefühl gerade, bestätigt sie mir. Eine ganz besondere Verbindung haben wir. Ja, sie ist glücklich.

Vier Monate habe ich hier beim Nachrichtenportal «Pulse Live Kenya» gearbeitet. «Mit dir zu schwatzen, war der Grund, weshalb ich im Büro die Treppe runter kam», schreibt Alan auf der Rückseite der Karte.

Alan. Mein engster Arbeitskollege. Der erste der im viel zu kalten Infinity-Pool drin ist. Auch er, der mich samt Kleider und Schuhe in den Pool schmeisst. Was für eine crazy Nacht – sorry Morgen, meine ich. 08:00.

Ich rufe Anthony an. Muss ihm erzählen, dass ich keinen einzigen Rappen bezahlt habe für das Übergewicht meines Koffers. 27 Kilo und der Swiss-Beamte hat die Gewichtsanzeige so angeschaut, als wäre es das Normalste der Welt. Anthony wird es nicht glauben.

Anthony. Der, dem das Wohl der anderen viel wichtiger ist, als sein Eigenes. Während die anderen um 13:00 das Frühstück vorbereiten, hilft er mir beim Packen – und schüttelt nur den Kopf. «Das, das und das kannst du nicht ins Handgepäck nehmen.» Wieso? Erstens nehme ich immer Essen ins Flugzeug. Aus Spanien nehme ich Jamón Serrano mit. Also nehme ich aus Kenia Kaffee mit. Und meine Stricknadel hatte ich auch beim Hinflug dabei. «Was? Das nehmen sie dir alles weg. Hier bist du in Kenia. Vergiss es!» Gut, gut, wir packen alles um.

«Das muss die traurigste Nachricht sein, die ich je geschrieben habe.» Das ist Anitas Schrift. Ich habe es nicht geschafft diese Zeilen in meinem Zimmer in Nairobi zu lesen. Mein Herz erdrückt. Deshalb muss ich es jetzt lesen. Da, wo sie mich nicht sieht. Wie kann das sein? Ich war darauf nicht vorbereitet. Ich war nicht vorbereitet, solch enge Freundschaften zu schliessen. Ich war nicht vorbereitet, solche Menschen nicht mehr verlassen zu wollen.

Anita. Meine Mitbewohnerin. Ohne sie wäre alles anders gewesen. 15:00. Haben die letzten paar Stunden nicht mehr viel geredet. Braucht es nicht. Schwer ist es, ihr meinen Schlüssel in die Hand zu drücken. «Die Wohnung und mein Herz habe ich die letzten vier Monate mit dir geteilt», schreibt sie. Recht hat sie. So auch ich.

Ich kann die Tränen nicht stoppen. Boarding. Ich bin nicht bereit und doch – ich muss.

Spotify Playlist «The Sound of Africa»

 

Auch zum letzten Mal gibts ein Lied auf die SI Spotify Playliste «The Sound of Africa». Viel Spass beim Reinhören.

Und das Video dazu: