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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Gefangen in der Überforderungs-Schockstarre

Bloggerin Sarah Rüegger ist vielbeschäftigt. Sie hat so viel um die Ohren, dass sie sich auf einmal eingestehen muss, dass sie an ihre Grenzen stösst...
Sarah Rüegger Blog: Termin-Stress
© Getty Images

Auf einmal gibt es so viele Dinge zu erledigen, dass man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht.

Es gibt sie in unser aller Leben, früher oder später: Die Überforderungs-Schockstarre. Ich bin eine Meisterin darin, meinen Kalender wie beim Tetris mit Terminen zuzukleistern. Hier habe ich zwar einen Termin mit X, davor könnte ich aber noch mit Y abmachen, dazwischen arbeite ich ein bisschen an meiner Kollektion und danach muss noch ein Blog her.

Das ist alles schön und gut, wenn sich das Ganze in einem freiwilligen Rahmen bewegt. Sobald aber der Ernst des Lebens in Form von fixen Arbeitstagen, kombiniert mit näherrückenden Deadlines und eingeschnappten Freunden, die sich vernachlässigt fühlen, und familiären Verpflichtungen paart - dann merke ich, dass ichs jetzt wohl ausgereizt habe. Denn je mehr Neues ich mit bestem Wissen und Gewissen annehme, desto weniger Zeit bleibt für das bereits Dagewesene. Ich schiebe die Dinge nicht unbedingt auf, ich kann einfach nicht Nein sagen.

Natürlich hat das Ganze auch existenzielle Gründe. Neben einem 55-Prozent-Pensum, das mir regelmässige Einkünfte beschert, bin ich auch eine Einzelfirma. Als freie Schreiberin und Prüfungsaufsicht kann man schwer Nein sagen. Irgendwoher muss ja Geld reinkommen. Vor allem, weil ich damit meine erste Modekollektion seit 4,5 Jahren finanzieren muss. Im September ist Präsentationstermin und die Prototypen müssen bis dahin da sein. Dass sich dabei Geld beschaffen und Geld anlegen in die Quere kommen, ist logisch. Nur: Mir explodiert gleich der Kopf.

Klar, ein voller Terminkalender ist auch was Schönes, und oft bin ich auch stolz, dass ich wieder so viel in einen Tag reinstopfen konnte, wie nur möglich. Doch je mehr restlos zugepflasterte Tage sich anstauen, desto länger wird auch die Schlange im Kopf. «Ich muss doch... aber ich sollte auch... aber ich kann doch nicht...» Die Überforderungs-Schockstarre ist da. Ich weiss, ich muss das alles erledigen, aber plötzlich bin ich blockiert.

Anstatt einfach loszulegen, denke ich nur noch darüber nach, was alles noch zu tun wäre.

Ich ertappe mich dabei, dass ich mehr rauche, als Schnittmuster zu entwickeln. Ich sitze tatenlos im Zug, anstatt den Fragenkatalog für das Interview vom Samstag zusammen zu stellen. Ich putze meine Wohnung, anstatt die Prüfungsunterlagen für das nächste Examen, das ich abnehme, zu kontrollieren. Also ende ich dann eben doch in einem Aufschieben, bis der Druck so gross ist, dass es gar kein Zurück mehr gibt. Ich kenne dieses Verhalten noch aus meinem Modedesignstudium: Je höher der Berg vor mir aufragt, desto schwerer fällt es mir, überhaupt den Rucksack für die Reise zu packen.

Und das Übelste daran: Es gibt kein Heilmittel. Das Einzige was ich tun kann: es anpacken. Leinen los und Segel setzen. Und lernen, vielleicht doch einmal Nein zu sagen. Ich arbeite daran.

Alle Blogs des Low-Budget-Girls gibts im SI-online-Dossier.