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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Das grosse Alphabet des Anderslebens

Von A wie Alkohol bis Z wie Zauber: Bloggerin und Wahl-Saaserin Sarah Rüegger präsentiert die Eigenheiten von Berglern.
Blog Saas Fee Stadt - Berg einfach Alphabet
© Getty Images

Bloggerin und Wahl-Saaserin Sarah Rüegger fasst ihre persönliche Skisaison in Form eines Alphabets zusammen.

Nach mittlerweile Dutzenden Blogs wist Ihr es langsam: Hier auf dem Berg läuft es ein bisschen anders. Trotzdem verspüre ich nun, da es steil in Richtung Saisonende geht, ein Bedürfnis, diese Eigenheiten (und jene, die fehlen) noch einmal zu sammeln. Und dies - einfach nur weil ich Lust dazu verspüre - in alphabetischer Form. Enjoy.

Das Alphabet des «Auf-dem-Berg-läufts-eben-anders»:

A wie: Alkohol am Morgen. In der Gesellschaft kaum akzeptiert, auf dem Berg heissts: «Oh, schon 11 Uhr? Kaffe Lutz, bitte!»

B wie: Baden. Hier oben zurzeit nur für viel Geld im Luxus-Wellness möglich. Im Sommer gibt es keine Möglichkeit, ein Freibad in unter 40 Minuten (mit Auto notabene) zu erreichen. Für mich als Wasserfreak eine mittlere Katastrophe.

C wie: Colourwear. Kaum einer, der hier nicht eine Hose, eine Jacke oder wenigstens ein Shirt der jungen schwedischen Snowboardmarke hat. Bevor ich auf den Berg kam, hatte ich noch nie davon gehört. Jetzt bin ich süchtig.

D wie: Dichtestress. Wie bitte? Na ja, vielleicht im Februar in der Gondel.

E wie: Erwachsen werden. Bitte?! Vielleicht, sollten wir je einmal von diesem Berg runterkommen.

F wie: Freiheit. Fast jeder Saisonnier hat hier oben das Gefühl, sie zu leben. Dabei sind wir mit unseren Ausbeuter-Jobs weit davon entfernt.

G wie: Gesundheit. Unter Saisonarbeitern grundsätzlich der Selbstzerstörung untergeordnet. Trotzdem sind wir hier oben erstaunlich gesund.

H wie: Heulen. Hier oben grundsätzlich überall und immer akzeptiert.

I wie: Ideen. Sind im Grunde vorhanden. Werden in der Regel schamlos geklaut oder schlecht kopiert.

J wie: Ja-Sagen. Geheiratet wird in der Saisonnier-Szene kaum. Auch sonst tut man sich hier oben schwer mit festen Bindungen. Es ist ja meist Saison, if you know, what I mean.

K wie: Käse. Ein fast religiöses Ding im Wallis. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel davon konsumiert (Raclette im Sommer, Käsefondue im Winter, süchtig nach Hobelkäse aus dem Käseladen gleich unter meiner Wohnung).

L wie: Liebe. Auch ohne Männer, die ja eher nach Punkt J leben (siehe oben), gibt es hier oben einige Menschen, die ich liebe und nie missen möchte. Denn wir leben hier oben eng zusammen. Man lernt sich schnelle, aber auch intensiver kennen. Ein Privileg.

M wie: Männerprobleme. Oh ja. Aber was soll man machen, wenn vorwiegend dieses Geschlecht nach dem Prinzip von Punkt E (siehe oben) lebt?

N wie: Nahkampf. Kommt vor. Meist im Club. Meist männliche Saisonniers gegen männliche Touristen. Frauen gegen Frauen: selten. Frauen gegen Männer: Manchmal. Dann aber richtig. Mit Stühlen. Oder Flaschen.

O wie: Orgasmen. Der Grund, warum wir nach so langer Zeit überhaupt noch in den immergleichen Club gehen.

P wie: Popcorn. Immer noch das Herz dieses Dorfes. Wo alles verschmilzt. Wo man nach dem Feierabend hingeht. Wo wir hingehen wenn wir O suchen (siehe oben).

Q wie: Quatschen. Immer. Überall. Über jeden. So entsteht Klatsch, aus Klatsch entstehen Gerüchte und Gerüchte mutieren dann zu kleinen Monstern. Das würzt unser Dorfleben. Und ist schnell wieder vergessen (meistens).

R wie: Regeln. Für alle Touristen: Es gibt sie, wirklich!

S wie: Snowboarden und Skifahren. Darum sind wir alle hier und im Winter unser einziges Hobby, unsere einzige Freizeitbeschäftigung.

T wie: Tanzen. Selten in meinem Leben habe ich so oft getanzt wie hier oben. Bei der Arbeit, auf der Piste, in der Bar, im Club, auf einer Hängebrücke (nein, okay, das ist nicht wahr, ich hab mir fast in die Hosen gemacht vor Angst auf dem Ding).

U wie: Unfälle. Je länger die Saison, desto mehr davon. Zerrungen, Brüche, Risse - das Spektrum ist endlos. Ein Dorf der Krücken.

V wie: Verrat. Darauf stehen wir hier gar nicht, und am Ende kommt sowieso alles raus. Wer seine Freunde oder Kollegen im Stich lässt oder sie verrät, dem droht die gesellschaftliche Ächtung. Und das ist der Todesstoss.

W wie: Wandern. Auf dem Berg zum Glück ein anerkanntes Hobby.

X wie: Xenophobie. Hier oben kein Thema. Jedenfalls nicht öffentlich. Dafür sind wir zu multikulturell. Zu abhängig von Arbeitskräften aus dem Ausland.

Y wie: Ach bitte, ich habe schon was für X gefunden, jetzt auch noch Y?!

Z wie: Zauber. Jeden Tag, wenn ich aus dem Fenster schaue.

Alle «Stadt - Berg einfach»-Blogs finden Sie im SI-online-Dossier.