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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Gurtenfestival - my Love!

Zwei Jahre setzte sie aus - am vergangenen Wochenende gab Sarah Rüegger ihr Gurtenfestival-Comeback. Und wie! Sie plant jetzt schon das nächste Openair...

Oh Gurten, lieber lieber Gurten, was warst Du wieder einmal schön. Zwei Jahre bin ich ohne Dich ausgekommen, und ich weiss gar nicht, wie ich das mir und Dir zumuten konnte. Vier Tage Sonne, ein bisschen Regen am Samstagmorgen, der mehr als willkommen war. Du warst verrückt, gut gelaunt, friedlich, gut abgemischt - nicht anders sollte es sein.

Gurtenfestival in Bern - es ist für mich ein Heimspiel. Ich war wohl mit 16 oder 17 das erste Mal dort oben, seither liess ich dieses Festival vielleicht zwei-, höchstens dreimal sausen. Hätte ich doch alle vollgekeimten Festivalbändel behalten, es wäre eine nette Sammlung geworden.

Obwohl auf dem Gurten seither vieles gleich geblieben ist (auf dem engen Gelände ist auch jede Veränderung ein Kraftakt) - einiges hat sich auch verändert: Seit es überhaupt einen richtigen Zeltplatz gibt (früher schlief man noch mit dem Schlafsack unter Blachen irgendwo auf dem Gelände), wurde er eigentlich immer voller. Dieses Jahr jedoch war der Zeltplatz ziemlich leer. Ich vermute, dass das Gurtenpublikum - ein eher altes Festivalpublikum - halt wirklich älter wird. Und weil noch immer ein Grossteil der Gurtengänger Stadtberner sind, pennen einfach mehr Leute zu Hause. Dann wurde irgendwann, seit ich das letzte Mal auf dem Gurten war, das legendäre Kaffeemobil auf dem Zeltplatz (nonstop geöffnet) durch eine «richtige» Zeltbar ersetzt. An sich nicht schlimm, auch wenn das «Baywatch»-Lied von David Hasselhoff, das früher traditionell so zweimal stündlich gespielt wurde, viel zu wenig zum Zug kam. Und: «Helga» auf dem Zeltplatz zu rufen ist endlich, endlich endgültig aus der Mode gekommen. Die letzten Deppen wurden auf stumm geschaltet. Hurra!

Auch sonst ist so ein Festival ja ein herrliches Biotop für Beobachtungen. Hier einige Facts, die mir aufgefallen sind:

Die 90er-Jahre sind sowas von zurück
Es ist schon unglaublich, aber bauchfreie Tops, Tattoobänder, puschelige Haargummis, bodenlange, gerade Röcke und Bindis sind tatsächlich DER Look der 16- bis 22-Jährigen. Auch wenn wir es nie gedacht hätten, dass unsere Teeniemode das jemals schaffen würde. Sehr beeindruckend. So weit der Trend im Moment geht, kann ich ja auch noch grad so damit leben. Wenn aber die oder der erste in einem engen, orangen Lycrapulli mit silbrigem Drachenaufdruck auftaucht, beginne ich zu schreien.

Goodbye alberne Sponsorengeschenke
Es scheint endlich die Zeit angebrochen zu sein, wo man sich nicht mehr jeden albernen Hut oder jede grässlich schlechte Rayban-Sonnenbrillen-Fälschung, die einem irgendwer in die Hand drückt, einfach aufsetzt. Dasselbe gilt für Plastikblumen-Hawaiiketten. Wahrscheinlich haben die Brands mittlerweile auch einfach geschnallt, dass sowas wirklich gar nicht so nett ist, wie es tut. Jedenfalls für die Augen anderer.

Lo & Leduc sind momentan die Superstars der Schweiz
Jeder kennt sie. Jeder mag sie. Sie sind eine super Liveband. Dass Lo & Leduc einmal so gross werden, ahnten ich und mein Kumpel Mario schon vor drei Jahren, als ich sie mit zirka 40 anderen Leuten an einem Nachmittag auf der Gurten-Waldbühne hörte. Nun möchte ich einfach den Deppen sehen, der entschieden hat, die momentan grösste Band der Schweiz auf die Zeltbühne zu stellen. Diese Person hat dadurch die grösste Party dieses Gurtens verhindert. Aber Hauptsache, man lässt Faithless zum 190'000. Mal als «Headliner» auf der Hauptbühne spielen. Macht echt Sinn. Not.

Ein «Free Hugs»-Schild hat auch 2015 noch seine Wirkung
Ich hab einen ganz lieben Mann mit einem «Free Hugs»-Schild gesehen und bin reflexartig auf ihn losgegangen, um ihn zu knuddeln. Fazit: Wirkt noch immer. Weil der liebe Mann mich auch so lieb fand und zudem eine Knuddelpause machte, hat er mir das Schild für etwa fünf Minuten ausgeliehen. Frauen, Männer, so ziemlich alle, die Englisch verstehen, stürmten schlagartig auf mich zu und bedankten sich danach. Die Schweiz sollte definitiv mehr umarmen. Viel mehr.

Vier Tage sind zu viel
Wann werde ich endlich lernen, dass ich mir und meinem Bankkonto den Sonntag ein für alle Mal sparen könnte? Tja. Heute werde ich mein Gampelticket kaufen. Vier Tage. 30 years and none the wiser.

Donnerstag ist und bleibt der beste Tag
Nichts Schöneres als ein Festivaldonnerstag. Vielleicht halb so viel Menschen wie an den restlichen Tagen. Kaum Kiddies. Kaum Alkoholleichen. Volle Motivation. Null Ermüdungserscheinungen. Das Bier schmeckt herrlich. Man kann wegen dem dürftigen Line-up einfach machen, was man grad so möchte. Die Hoffnung auf einen Festivalschatz besteht noch. Man riecht noch gut. Man hat die Haare noch schön. Es stehen noch drei ganze Tage bevor. Drei! Und da frag sich mal einer, warum der Freitag immer so hart ist.

Meine Stimme ist nicht für Festivals gemacht
Laut reden, trinken, rauchen, mitsingen. Bereits ein Tag mit diesen vier Hauptbeschäftigungen verbracht, wird von meinen Stimmbändern mit Heiserkeit bis Stummheit abgestraft, zuletzt passiert am Season-Ende in Saas Fee (jaja, Bad Girl). Da helfen weder Tabletten noch Tee noch Honig. Diesen Gurten konnte ich mich wenigstens bis Samstagnachmittag noch halbwegs verständigen. Danach war ganz Schluss. Lustig ist: Alle anderen finden meine Stummheit immer sehr witzig. Ha. Ha.

Ich denke, ich werde im nächsten Jahr wiederkommen
Tatsächlich gab es in den letzten zwei Jahren diese Zeit, in welcher der Gurten mir etwas verleidet war. Immer dasselbe, zu viele Leute auf zu engem Raum, schlechtes, überteuertes Essen. Dieses Jahr habe ich mir so meine Überlebensstrategien angeeignet: Grosse Konzerte früher verlassen oder sich so schnell wie möglich in eine Nische setzen, bis die Menschenströme vorbei sind. Essen, wenn sonst keiner isst, bei der Menüwahl offen sein und nicht ans herrliche Essen am Openair Gampel oder dem Fusion denken. Oder Sandwiches mitnehmen - hab ich am ersten Tag gemacht. Sich grundsätzlich keinen Stress machen, wie man grad wo und warum ist. Konzert verpasst? Who cares! Du hattest bestimmt Deine Gründe...

So, das Gurtenfestival ist ja schon wieder in weniger als einem Jahr und das Gampel Open Air wartet auf mich. Ich freu mich!

Im Dossier: Alle Blogs von Sarah Rüegger