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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Die Brautkleid-Lieferantin

«Dank» ihres Designstudiums wird Bloggerin Sarah Rüegger des Öfteren zur Brautkleid-Schneiderin. Mittlerweile hat sie da aber ihre strengen Prinzipien. Nicht jede Braut kriegt ein Dress von ihr.
Hochzeit Brautkleid Chucks
© iStockphoto

Klassisches Prinzessinnenkleid gewünscht? Gibts nicht bei Sarah Rüegger. Sie mags unkonventionell.

Es ist das Jahr der Hochzeiten. Allein in diesem Jahr hat bereits eine meiner Freundinnen im Mai geheiratet, dieses Wochenende war die nächste dran, im September heiratet eine meiner engsten Freundinnen, die gleichzeitig meine Geschäftspartnerin ist. Alle drei wollen sich aus romantischen Gründen vermählen und nicht, weil ein Baby unterwegs ist. Obwohl: Bei der einen hat sich das Baby dann doch noch im Bauch eingnistet, bevor der Ehebund geschlossen war. Trotzdem, heiraten ist in Mode, dies ist wohl als Zeichen des Zeitgeists hinzunehmen - zurück zu traditionellen Werten. Noch vor zehn Jahren hätten wir nämlich allesamt die Ehe als veraltetes Relikt der verachteten 50er-Jahre betrachtet, für so fortschrittlich hielten wir uns. But: Time's a changing.

So weit ich mich selber von einer Hochzeit weg befinde, so involviert war ich über die letzten fünf Jahre in die Eheschliessungen anderer. Ich wurde zwar nur einmal als Notfall-Trauzeugin für eine mittlerweile geschiedene Ehe einberufen, trotzdem bin ich im Durchschnitt jährlich ein zentraler Teil dieser Festlichkeiten. Denn ich liefere etwas, das den meisten Bräuten das überhaupt Allerwichtigste an einem Hochzeitskleid ist: das Brautkleid.

Meinem Handwerk und meinem Designstudium verdanke ich, dass immer mal wieder eine Bekannte scheu an mich herantritt, um mich um mich um dieses mit so vielen Erwartungen verbundene Kleidungsstück zu bitten. Mittlerweile habe ich auf diese ganz und gar nicht einfach zu beantwortende Frage eine Standardantwort: Ich bin dabei, wenn das Kleid nicht klassisch werden soll, ich die Herrschaft über 70 Prozent Designfreiheit habe, die Kohle stimmt und die Materialien nicht hauptsächlich aus Plastik sein sollen. Mit Plastik meine ich: Polyester und seine hässlichen Geschwister.

Dass ich mich weigere, klassische Kleider herzustellen, hat seine Gründe: Zum ersten meine Schneiderlehre. Ich habe nie verstanden, weshalb eine Braut sich ein gewöhnliches «Prinzessinnenkleid» auf den Leib schneidern lässt, wenn es doch dafür spezialisierte Fachgeschäfte gibt, die so ziemlich alles an Konventionellem anbieten, was sich die klassische Braut nur wünschen kann (und ein paar echt scharfe Paillettenfummel, wie ich letztens beim Besuch eines solchen Ladens feststellen konnte). Mir selber als Designerin und Schneiderin widerstrebt es zudem, Dutzende Meter Tüll zu raffen, Korsagen anzupassen und Stoffröschen zu rollen - Lehrjahres-Trauma vom Feinsten.

Zudem ist es mir wichtig, dass mir die Braut am Herzen liegt. Ich muss sie auf Anhieb verstehen und sie mich. Auch dies hat seinen Grund. Denn Bräute, so easy sie im Alltag auch sind, werden bei einer Hochzeit früher oder später zu Nervenbündeln (was natürlich auch für die Herren zukünftige Ehegatten gilt, nur projizieren diese meistens nicht einen Bruchteil der Erwartungen in ihr Outfit, wie es ihre Frauen tun). Wer da das Heu nicht auf derselben Bühne hat, kann ganz schön böse aneinander geraten und dann Buenas Noches. Eine werdende Braut muss zudem möglichst schnell sicher sein, dass ihr Kleid auch wirklich der Traum wird, den sie sich erhofft. Das heisst für mich: Muster herstellen und Anproben über Anproben. Besonders knifflig wird diese Konstellation, wenn der Deal relativ kurzfristig zustande kommt. Am Donnerstag lieferte ich ein Kleid ab für eine Hochzeit, die gestern stattfand. On the very last second. Das braucht Nerven und Vertrauen. Ich sag euch: Sich zwei Monate vor der Hochzeit um ein Kleid kümmern ist zu spät, meine Lieben!

Besonders schwierig ist für mich jedoch, wenn ich dann - was meist die Regel ist - auch zu der betreffenden Hochzeit eingeladen bin. So war es vor fünf Jahren etwa einmal der Fall, dass der Hochzeitstag einer meiner Bräute mit 35 Grad Celsius im Schatten gesegnet war. Too much. Kaum aus dem Standesamt raus, flogen sämtliche Schuhe in eine Ecke, Kravatten wurden gelockert und Sackos im Auto verstaut. Ich blickte ohne zu blinzeln auf das drei Kilo schwere Alice-in-Wonderland-Kleid der Braut, dessen Drapierungen aus reiner Seide sich im Dunste des unvermeidbaren Schweisses in alle Richtungen blähte. Dass jedes anständige Drapé nicht mit hunderten Stichen festgenagelt werden sollte, weiss jeder bessere Schneider, aber wer rechnet denn schon mit diesen Temperaturen? Nur: Ich war natürlich die Einzige, der das auffiel. Deshalb habe ich mir, um mich angesichts meiner eigenen Leistung nicht um den Verstand zu bringen (ist das ein loser Faden?!, ist der Saum wirklich gerade?), eine Hochzeits-Überlebensstrategie antrainiert: gleich zu Beginn jeweils zwei Gläser Weisswein kippen und mir danach total gelassen die Lorbeeren für mein Werk einheimsen. Alles easy.

Das Absurdeste für mich als Hochzeitskleid-Lieferantin mit gleichzeitiger Hochzeitseinladung ist jedoch meine Ignoranz meinem eigenen Outfit gegenüber. Nicht selten plane ich selbstverständlich, ebenfalls in etwas eigens Hergestelltem an der Festivität zu erscheinen, da sich die Frage nach meinem Kleid, wenn ich erst einmal als Hochzeitskleid-Designerin geoutet bin, selbstverständlich aufdrängt. Nur: Meist bin ich bis zum Schluss so absorbiert vom Zwang, eine Braut glücklich zu machen, dass mir dann einfach die Zeit fehlt, mir ein eigenes Kleid zu nähen. Nicht selten endet das darin, dass ich noch am Hochzeitstag losrenne, um mir ein Outfit zu suchen, dass mir dann selten auch wirklich gefällt. So war es denn auch gestern. Jede Hochzeit dasselbe.

Im Dossier: Alle Blogs von Sarah Rüegger