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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Schockstarre im Schreiben und Denken

Der Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» in Paris hat Bloggerin und Journalistin Sarah Rüegger zutiefst getroffen. Zwei Tage lang hat sie sich zu Hause zurückgezogen.
Je suis Charlie Hebdo
© Keystone

Je suis Charlie! Zehntausende Menschen haben in den letzten Tagen an internationalen Trauerkundgebungen teilgenommen.

Es liegt eine verdammt harte Woche hinter mir, hinter uns. Für mich war es erst schwierig, überhaupt den Arsch hochzukriegen und hier etwas zu schreiben, und ich werde mich hüten, auf diesem Weg einen Kommentar abzugeben, denn jene, die immer bellen, bellten, die immer Schreibenden schrieben, Zeichnende zeichneten, im Prinzip ist alles bereits gesagt, aufgedröselt, in Grafiken und Statistiken dargestellt und vieles wiederholt sich bereits. Und ich war einfach zwei Tage nicht bereit, mich der Welt zu stellen und habe still zu Hause für mich geweint und die Schockstarre ausgehalten. Ich wollte weder auf die Strasse, noch einen Kommentar verfassen, ich wollte einfach nur meine Ruhe.

Umso schwieriger, sich jetzt wieder dem zu stellen, worüber ich eigentlich schreiben soll - dem Alltag, dem Banalen, mir selber. Das ist alles furchtbar klein und bedeutungslos angesichts der abgefuckten Aktualität. Aber na gut, das ist einfach mein Job.

Und wahrscheinlich ist es auch dieser Alltag, sind es unser aller kleine Leben, die uns davon abhalten, alle gemeinsam völlig verrückt zu werden.

Ich zum Beispiel stürzte mich, nachdem ich auf dem Heimweg von Saas Fee von dem Anschlag gehört hatte, zwei Tage lang gefangen in einer schreiberischen und denkerischen Schockstarre, in kleine, unnötige Projekte. Wie im Wahn hatte ich plötzlich das Bedürfnis, den Ikea-Tisch samt Sitzbänken, der seit Wochen in blöden Kartons verpackt in der Ecke stand, in Lichtgeschwindigkeit zusammenzuschrauben. Doch das reichte nicht. Ich musste sofort die Lasur aufschmieren. Eine Schicht. Zwei Schichten. Und - völlig unnötig - auch noch eine dritte. Dann musste Wäsche gewaschen, die Wohnung inklusive Fenster geputzt, die Beine rasiert und eingekauft werden. Und zwar alles auf einmal. Ablenkung war schon immer meine beste Taktik, um nicht durchzudrehen. Nur mit Gehirn und Tasten arbeiten, das konnte ich nicht.

Auch kleinere private Katastrophen bewältige ich übrigens gerne mit sinnloser Überkompensation. Dann überdecke ich emotionale Tiefpunkte mit übermässiger Reinlichkeit, kreativem Nonsens, Sport oder übermässigen sozialen Tätigkeiten, was heisst, dass ich mich mit anderen (Deprimierten) betrinke. Letzteres versuche ich vermehrt zu vermeiden, da es extrem bekloppt ist, Scheisse mit noch mehr Scheisse zu übertünchen, passieren tut es trotzdem ab und zu.

Doch die Zeit der sinnlosen Schockstarre und Ablenkung muss vorbei sein. Für uns alle. Ich denke es ist Zeit, darüber nachzudenken, wo wir in dem Ganzen stehen, wie wir darauf reagieren können und vielleicht auch, was wir dafür tun können, das diese Welt nicht völlig überschnappt. Ich versuche das jetzt mal. Fertig geweint.

#jesuischarlie

Im Dossier: Alle Blogs von Sarah Rüegger