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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Fadegrad - ohne Kurven

Auch das Low Budget Girl regt sich gerne mal auf. Zum Beispiel über schlechte Satire.
Landschaft Berge Wandersocken bunt verrückt schräg
© Getty Images

Walliser sind keine Freaks. Aber sie haben eine gewisse Art kultivierter Nonkonformität, findet Bloggerin Sarah Rüegger. 

Letzte Woche gings im Unterland richtig ab mit dem Wallis-Bashing. Laut den vom «Tages Anzeiger» ausgewerteten Satistiken gibts hier nämlich die meisten Autounfälle unter Alkoholeinfluss. Was sich ein Schreiber der «Basler Zeitung» gleich mal zum Anlass nahm, eine Art Satire zu schreiben, die aber nur er lustig fand. 

Er stapelte die Eigenschaften des längs langweilig gewordenen Walliser-Stereotyps mässig wortgewandt und vollkommen unbelegt aufeinander, was in einer Frechheit in der Gestalt eines Onlineartikels resultierte. Sujet: der dauerbetrunkene, geistig eingemauerte Bergbauer, der eine gut gebaute Kuh einer gut gebauten Frau stets vorzieht und auf seinen schnurgeraden Autobahnen lieber Kurven fährt. Mehr nicht. Offen bleibt, ob besagter Jounalist überhaupt mal im Wallis war.

Wenns nicht so traurig wäre, könnte man fast drüber lachen. Die Statistik sollte zu denken geben, aber muss aufgrund dessen zwingend einen Basler Schreiber zu einer solch uninspirierten Dreckschleuder in Richtung Alpen werden? Woher kommt dieser selbstherrliche Blick von aussen auf das Wallis eigentlich? Klar, das Wallis ist anders, aber hier stehen verdammt noch mal auch recht viele Berge.

Ich frage mich oft, ob sich der Rest der Schweiz, der hier in die Ferien kommt, um sich auch mit Heida und Pinot Noir endlich mal auf lateinische Art die Birne so richtig wegzuknallen, denkt: Die Berge sind zwar noch schön, aber die Leute halt schon Freaks?

Ich stell mir schon das Tischgespräch in der Bergbeiz vor:

Kind 1: «Mami, warum spricht diese Serviertochter so komisch?»
Mutter: Ach weisst du, das ist eben eine Frau von hier, eine Walliserin. Die sprechen eben so.»
Kind 2: «Wieso sprechen die denn anders als wir?»
Mutter: «Weil das Wallis eben ein anderer Kanton ist als Zürich. Und darum haben sie einen anderen Dialekt.»
Kind 1: «Aber das Gotti wohnt auch nicht in Zürich und spricht auch nicht so komisch.»
Service: «Bittä schön, ihresch Wolliser Tellor mit äxtro Hüswurscht. Güete!»
Kind 2: «Dein Gotti redet sicher nicht so!!!»
Mutter: «Ja wisst ihr, im Wallis reden sie eben so, weil hier so viele Berge stehen. Drum ist das hier eben ein bisschen anders als in der restlichen Schweiz.»
Kind 1 und 2: «Ach so.»

Aber wie das so ist, mit Klischee, Projektion und Realität. So einfach oder gar freakig spannend ists am Schluss meistens nicht. Und drum will ich, ursprüngliche Bernerin, wohnhaft im Oberwallis, doch zum Schluss mal erklären, was ich an den Wallisern, die ich kenne, so mag, schätze und bewundere. Jenseits der Klischees.

Was ich weiss: Walliser sind keine Freaks. Aber es ist diese gewisse Art kultivierter Nonkonformität, die ich an ihnen genau so mag. Ich mag den unerschütterlichen Dialekt. Ich mag, dass sich Walliser immer gegenseitig finden ausserhalb des Wallis. Ich mag ihre Fähigkeit, aus einem normalen einen legendären Abend zu machen und dabei Wildfremde zusammenzuführen und zu Freunden zu machen. Ich mag ihre Naturverbundenheit. Dass sie besser wandern, klettern, snowboarden, skifahren und helikopterfliegen können als die anderen. Dass sie es auch einfach mal easy sein lassen können. Dass sie auf mich aufpassen.

Aber wenn ich etwas mit Sicherheit weiss, dann, dass die Walliser gerne Walliser sind. Fadegrad. Ohne Kurven. Alles andere wissen sie selber am besten. Oder die Statistik. 

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