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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Paris, Je t'aime...un petit peu

Es ist eine Hassliebe, die Bloggerin Sarah Rüegger mit Paris verbindet. Auch bei ihrem letzten Besuch lief nicht alles wie erwartet - und doch war sie auch überrascht. Positiv überrascht.
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© Getty Images

Statt in der Nähe des Eiffelturms übernachtete Sarah Rüegger in einem Altersheim - und es war gar nicht mal so schlecht.

Meine Güte, das letzte Mal, als ich in dieser Stadt war, waren meine Haare noch schwarz und meine Haut alabasterfarben, ich war mit Sicherheit krank oder hatte einen Ausschlag und war bedeutend öfter angeschickert, als das heute noch der Fall ist. Ich war damals gerade erst dem Modedesignstudium entschlüpft, und hing irgendwie noch immer den alten Gewohnheiten eines solchen Studentenlebens nach. Möglichst abgefahren, nie am Tageslicht, sondern im Atelier oder an einer Bar, kaum Schlaf - so sah das Leben damals aus und mindestens einmal, meistens aber zweimal im Jahr trieb dieses Leben mich nach Paris.

Aus diesen zahlreichen Besuchen resultierte eine handfeste Hassliebe zu dieser Stadt, die mich von Mal zu Mal mehr an eine abhängige Strassendirne, die sich für eine Oper herausputzt, erinnerte. Nun, letzte Woche schliesslich musste ich da mal wieder hin. Für unser Modelabel brauchten wir Stoffe, die zum einen preiswert und in kleinen Mengen erhältlich sind und zum anderen nicht überall zu haben sind. Die gibt es in Paris und deshalb besuchten wir die Kapitale zwangsläufig. Ich erinnere mich, mir bei früheren Besuchen auch schon die Frage gestellt zu haben, weshalb irgendwer Paris überhaupt aus freien Stücken oder gar zum Vergnügen besuchen sollte.

In meiner Erinnerung ist Paris: stinkend, laut, gemeingefährlich (ich werde jedes Mal mindestens einmal fast überfahren), im Verhältnis zu teuer, dreckig, unfreundlich (zu Touristen, zu sich selber, zu seinen Obdachlosen), eingebildet, übellaunig, Klobrillen-frei, erschreckend schlecht gekleidet und Vegetarier-diskriminierend. Klar, ich war wirklich noch nie einfach zum Spass in dieser Stadt. Meist standen zig Termine an: Première Vision (eine Stoffmesse), die Fashion Week, Museumsbesuche, und (kreisch!) gemeinsame Abendessen mit der Klasse. All das meist in grossen Gruppen und meist anstrengend, anstrengend, anstrengend. Dass man da leicht mal ausrastet, wenn man von Dozenten durch miefige, übervolle Strassen gehetzt wird, sein knappes Studentengeld an der Museumskasse liegen lässt, um sich dann, endlich in der Beiz angelangt, vom maulenden Kellner das falsche Getränk bringen zu lassen. Und das tagein tagaus.

Deshalb schwante mir bereits im TGV in die ungeliebte Hauptstadt wieder das Schlimmste. Uns standen zwei enorm stressige Tage bevor, zudem war es saukalt und ich noch angeschlagen vom Wochenende (andere Geschichte).

Und irgendwie begann es auch wieder einmal, wie es in Paris immer läuft: Es ging etwas schief. Die Wohnung, in der wir übernachten sollten, war noch nicht fertig renoviert, obwohl sie dies schon seit letztem Jahr sein sollte. Und zwar so dermassen nicht fertig renoviert, dass sie komplett und unverrückbar unbewohnbar ist. Über Bekannte mussten wir also in ein Zimmer ausweichen. In ein Zimmer in einem Altersheim. Da wohnten wir nun in einem Altersheim, statt in einer frisch renovierten Altbauwohnung nahe dem Eiffelturm, aber ich gebe zu: Es war gar nicht mal so schlecht.

Das Zimmer war günstig und ausreichend, die Direktorin herzlich und nett und das Viertel das Gegenteil eines Banlieues. Sowieso merkte ich zu meinem Erstaunen und von Stunde zu Stunde: Ist ja alles gar nicht so schlecht hier. Richtig stinken tat es eigentlich nur auf dem Parkplatz des Gare de Lyon. Dem Verkehrstod entkam ich, indem ich einfach schön brav wartete, bis es wirklich grün auf der Ampel wurde, statt den Einheimischen hinterherzuhetzen. Laut ist es zwar noch immer, aber offenbar höre ich schlechter, sodass es mich nicht mehr stört. Die Preise sind nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses angenehm bis spotthaft tief. Als Vegi kommt man mittlerweile richtig gut durch - jedenfalls, wenn man Käse mag. Die Kellner sind zwar zumeist noch schlecht drauf, dafür aber recht effizient, was ich mittlerweile zu schätzen weiss. Ich sah sogar in dem einen oder anderen Restaurant eine Klobrille und erfreute mich der einen oder anderen sorgfältig ausgewählten Garderobe. Einen Kloss im Hals bildete sich bei mir nur ab und zu, wenn wieder schwer bewaffnete Armeeangehörige meinen Weg kreuzten. Das Sicherheitsdispositiv hat Frankreich zumindest in seiner Hauptstadt seit dem Attentat auf „Charlie Hebdo“ sichtbar aufgestockt.

Doch alles in allem stellte ich fest: So übel ist das Ganze hier doch gar nicht. Auch wenn’s zwischen mir und der Stadt der Liebe nicht mehr die ganz grosse Liebe werden wird:
Ein bisschen hab ich dich lieb, du alte Strassendirne.

TIPPS FÜR PARIS

ESSEN «Chez Paul» an der Bastille - extrem traditionell, nur an Wochentagen zu empfehlen, da sonst viel zu voll mit Touristen, auf Französisch anmelden, sonst landet man oben bei den anderen Touristen (13, Rue de Charonne). «Le Valmy» am Canal - für Fleischtiger perfekt, riesige Rindfleischmöcken werden am Tisch zerlegt, der Vegi behilft sich mit feinen Vorspeisen (145, Quai de Valmy).

SHOPPEN Das «Marais» und die nähere Umgebung sind eine wahre Fundgrube für Fans von kleineren Labels und Boutiquen. Auch die Secondhand-Shops sind super. Vor allem «Kiliwatch Paris» ist ein Muss (64, Rue de Tiquetonne). Falafel zur Stärkung an jeder Ecke.

MUSEUM Es gibt so viele. Der «Palais de Tokyo» ist mein persönlicher Favorit mit Zeitgemässem in einem wunderschönen Gebäude (13, Avenue du Président Wilson).

TRINKEN Wers gerne etwas alternativ und leicht schäbig mag, wie ich, ist im «Fourmy» im Montmartre richtig. Mittags und abends gibts auch was zu essen (74, rue Martyrs).

Im Dossier: Alle «Stadt - Berg einfach»-Beiträge von Sarah Rüegger.