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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Pendeln und staunen!

Bloggerin Sarah Rüegger verbringt zurzeit täglich drei Stunden im Zug. Genug Zeit, um ihre kleinen und grossen Mit-Pendler zu beobachten...
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© iStockphoto/Getty Images

Beim Zugfahren lässt sich Erstaunliches beobachten. Das Low-Budget-Girl verrät Pendler-Phänomene.

Ich verbringe ja im Moment echt viel Zeit im Zug. So drei Stunden am Tag. Nur - im Gegensatz zur restlichen Schweiz - fahre ich zur Arbeit, während sich offenbar sonst jeder auf der Linie Bern-Zürich in die Ferien verzeiht oder grad von ebendiesen zurückkehrt. Doch nicht nur die Ferienzeit, auch das allgemeine Pendeln versetzt mich regelmässig in fassungsloses Staunen. Hier einige Phänomene, die mir in den letzten zwei Pendlerwochen aufgefallen sind:

  • Der ÖV lebt! Einiges hat die SBB in den letzten Jahren an Gunst bei der Kundschaft verscherzt. Verspätungen, wirre oder kaum Informationen, Preiserhöhungen. Und doch: Bern-Zürich ist die teurste Strecke, die man seinem Portemonnaie zumuten kann und dies logischerweise aus einem triftigen Grund: Bern-Zürich ist DER Superstar unter den Zugstrecken in der Schweiz. Egal, um welche Uhrzeit ich mich in den Zug setze: ER ist immer gut besetzt bis proppenvoll. Von wegen ÖV-Krise: Zwischen der Bundesstadt und der Finanzhauptstadt kann sich keiner beklagen - ausser jene, die keinen freien Platz mehr gefunden haben.
  • Backpacking ist out! Zwischen Bern und Zürich herrschen die Koffer. Mindestens ein Koffer im Format eines Kinderschrankes Person müssen es offenbar schon sein, was schon mal zu verzwickten Situationen sorgen kann. Während ein ansehnlicher Tramper in der Regel noch auf die Ablage oberhalb der Sitze zu hieven ist, lassen sich die Monsterkoffer im Panzerschrank-Look kaum in den Zug heben. Letztens wollte ich wegen der Platznot innerhalb des Zuges den Wagen wechseln - blöderweise war da kein Durchgang, da sich die Koffer eines Ferienlagers (ich tippe auf die Lehrabschlussreise der Automechaniker, da sassen nämlich fast keine Mädels) im Durchgang türmten. Ich sehnte mich nach den Zeiten, wo man vor der Klasse mit einem Koffer als Snob dastand.
  • Familien sind logistische Zauberkünstler! Zwei Kinder pro Hand, ein- bis zwei Kinderwägen, Wickeltaschen, Koffer, Spielzeuge und am besten noch ein Haustier - Familien, die mit dem Zug (und noch besser mit dem Flugzeug!) und Kind und Kegel in die Ferien fahren brauchen magische Kräfte und Nerven aus Stahl und verdienen meinen grössten Respekt. Braucht man danach nicht Ferien von den Ferien? Was der restliche Zug davon hat: Sind die Kinder gut drauf und nicht am Schreien/Zwängeln/Weinen, sind sie wahnsinnig gut für die Atmosphäre unter den Pendlern. Ich mag besonders neugierige Kids («Mami, warum hat die Frau grüne Haare?») oder jene, die meine Grimassen tatsächlich witzig finden.
  • Biertrinken im Zug ist salonfähig geworden! So ab 16 Uhr verdrängen die Dosen die Pendlerzeitungen auf den Zugtischchen. Während das früher eher ein Privileg von randständigen Herren war, trinken heute alle gerne mal ein Bierchen in der leeren Stunde, die man nach der Arbeit oder nach was auch immer im Zug verbringt. Banker im Anzug, überdrehte Gymischüler, die gemischte Rentner-Wandertruppe (obwohl die gerne auch mal eine Flasche Weisswein in windlichtgrossen Plastikbecher tütschen - vor allem die Walliser) oder das junge Pärchen, das auf Elternbesuch war. Ich finds ab und zu auch ganz schön, aus dem Fenster zu schauen, Musik zu hören und die Fahrt mit einem Bier zu geniessen - vor allem, seit es an fast jedem Kiosk kaltes Quöllfrisch zu kaufen gibt.
  • Ich ziehe Freaks an! Okay, vielleicht bin ich auch etwas selber schuld, schliesslich falle ich mit grünen Haaren und meiner - na ja - etwas extravaganten Kleidung auch etwas auf. Aber ey! Letzte Woche setzte sich zwei Mal der selbe, extrem besoffene Jungspund zu mir. Natürlich wusste er beim zweiten Mal nicht mehr, dass er mich schon einmal vollgetextet hatte und mir die exakt gleichen Fragen schon einmal gestellt hatte und - Hand aufs Herz - auch beim nächsten Mal (und es wird ein nächstes Mal geben) wird er die letzten beiden Begegnungen vergessen haben. Ich nehms mit Fassung und hoffe, er hat seine Station nicht beim zweiten Mal auch verschlafen.


Alle Blogs des Low-Budget-Girls gibts im SI-online-Dossier.