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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

Saisonnier-Weihnachten im Eis

Was ist für Saas Fee wie das Gurtenfestival für Bern? Das Ice Climbing! Da geschehen Dinge, die man sich im idyllischen Bergdörfchen noch monatelang erzählt. Bloggerin Sarah Rüegger erklärt das Phänomen.
Blog Saas Fee über Fest Ice Climbing

Noch nie vom Ice Climbing gehört? Das ist eine Open-Air-Party in Saas Fee, die zwei Nächte dauert. Gnadenlos!

Es gibt zwei kombinierte Worte, die die Saisonniers in Saas Fee bereits Anfangs der Wintersaison mehr aussprechen als Weihnachten und Silvester: Ice Climbing. Ja, das zweitägige Ice-Climbing-Weltcup-Finale in Saas Fee ist DER grosse Festtag für die Saisonniers. Er ist für Saas Fee, was das Gurtenfestival für Bern ist: einfach der Vorfreude-Anlass schlechthin.

Ich erinnere mich an meinen ersten Tag als Saisonnier in Saas Fee vor über einem Jahr. Ich sass mit einer Freundin im Après-Ski, als wir mit einem britischen Saison-Arbeiter anfingen zu quatschen. Keine zwei Minuten vergingen, schon fiel die Sprache auf DEN Anlass des Winters: das Ice Climbing.

Es muss ja mal gesagt sein: Wer in einer Feriendestination lebt, ist in der Regel trinkfest und feierfreudig. Und so viel Respekt wir dem Sport des Eiskletterns und den Athleten auch entgegenbringen - Ice Climbing ist einfach zwei Nächte Open-End-Party ohne Gnade.

Schon Monate vor dem Ice Climbing wird das Innere der spiralig über zehn Stockwerke abwärtsgewundenen Autoabfahrt des Parkhauses für die Kletterer vereist, und mit jeder Eisschicht nehmen auch die Gespräche über das Ice Climbing im Dorf zu. Zimmer und Betten werden von Freunden aus dem Unterland reserviert, Pläne geschmiedet und Hoffnungen geschürt.

Am Ice Climbing sieht man das Ausgehverhalten der Saas-Fee-Saisonniers aufs Extremste konzentriert, sieht, wer es auf wen abgesehen hat, sieht Leute ausgehen, die sonst zu Hause bleiben und sieht jene Shots trinken, die sonst Mineral bestellen. Doch: Meistens ist das Ice Climbing diesem Erwartungsdruck schlicht nicht gewachsen, viele haben zu viel Spass, die sonst immer Kontrollierten tanzen aus der Reihe, Mädels werfen Stühle gegen Jungs, Zungen landen in falschen Hälsen und manche pennen unglamourös auf dem Toi-Toi-Klo ein.

Und wenn alles vorbei ist und alle wieder langsam ins Leben zurückkehren - meist erst am Montag -, kommen die Erinnerungen zurück. Genüsslich werden bei scheu genippten Gin Tonics in der Bar die Fehltritte der jeweils anderen zerpflückt, Romanzen werden aufgedeckt, Entschuldigungen ausgesprochen und angenommen und Spekulationen über Mädels und Jungs aufgestellt, die am Sonntagmorgen in den Kleidern vom Samstag mit zerwühlten Frisuren, Sonnenbrillen und hochgestreiften Kapuzen durch die Strassen schleichend gesichtet wurden.

Und wie jedes Jahr werden noch Monate später über die Erinnerungen ans Ice Climbing gelacht, und wenn alles vergessen ist, steht auch schon die Vorfreude wieder ins Haus - wir können einfach nicht anders. Es ist eben Saisonnier-Weihnachten.