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Stadt - Berg einfach

Sarah suchte in Saas Fee den Kick. Und ist jetzt zurück in Zürich.

1. Advent - es ist noch nicht zu spät!

Die Vorbereitungen für Weihnachten laufen auf Hochtouren. Glockengebimmel mit Keyboardmelodien, hübsche Schleifchen, Stoffservietten, tannenförmige Guetsli: Die Menschen legen sich jedes Jahr ganz schön ins Zeug - um sich am Ende dann doch zu beklagen. Bloggerin Sarah Rüeggers Gedanken zum 1. Advent.
Themenbild Blog Stadt - Berg einfach Kerze Advent Weihnachten
© iStockphoto

Eine Kerze zum 1. Advent. In vier Wochen ist bereits wieder Weihnachten - das Fest der Liebe. Und des Stresses.

Sie haben tatsächlich wieder die Lichter aufgehängt. Sie haben die winzigen Holzhäuschen aufgebaut oder arbeiten gerade daran. Die werden sie mit sinnlosem Zeug, wie Figürchen aus minderwertigem Material mit Flügeln dran, die sie Engel nennen, mit Rheumakissen, beleidigend hässlichem Handgestricktem, leuchtenden Plastikkristallen, mit penetrant riechendem karamellisiertem Irgendwas neben knallhart knoblauchigem Knoblauchbrot, mit bedruckten Tassen und Schlager-CDs (CDs - wirklich?) befüllen.

Sie werden Lieder spielen, deren Glockengebimmel mit Keyboardmelodien, die bereits im Keyboard einprogrammiert waren (wie praktisch!), unterlegt ist. Gesang wird erklingen, bei dem durch die Subtraktion der Worte «Liebe», «Fest», «Schnee» und «Glocken» nur noch Präpositionen, Bindewörter und einige simple Verben übrig bleiben werden. Diese musikalische Untermalung wird den Gehalt eines eingeschweissten Keks haben, das umsonst neben einer Latte im Warenhauskaffee liegt.

Sie werden heissen Wein mit der Zuckermenge einer Sachertorte vermengen, werden altersschwache Orangen zufügen, werden Zimtstängel aus dem letzten Jahr (was soll man auch im Rest des Jahres damit anfangen?) und weitere krude Ingredienzien (Geheimzutaten!) in dem Gesöff ziehen lassen, bis auch die letzte Urgrosstante plötzlich Wein mag und nach der dritten Tasse «lustig» wird, was unvermeidlich bedeutet, dass sie Schlafzimmergeheimnisse an die nächsten fünf Tische weitergibt.

Sie werden sich die Köpfe darüber zerbrechen, ob man den Kindern der Schwester der Schwiegertochter des Cousins vielleicht auch etwas schenken sollte. Sie werden mit Tannen und Rentieren bedruckte Papierollen kaufen, werden Schleifen, Bänder, Aufkleber, Karten, Etiketten, Klebstreifen und Cellophan im Wert einer Waschmaschine mit integriertem Tumbler kaufen.

Sie werden neue Teller mit Goldrand kaufen, Silberbesteck, Stoffservietten (wie edel!) und passende Serviettenringe (einmal im Jahr!). Sie werden gravierte, bestrasste, gestanzte Teelichter kaufen, die für die gesamten Seelen auf dem Friedhof Père Lachaise reichen würden.

Sie kaufen eine sibirische Weisstanne.

Sie kaufen glänzende Kugeln, kramen Lametta, das noch vom vergangenen Jahrzehnt her reicht, aus dem Schrank, kaufen Lichterketten bei Ikea und Kerzen, sie ziehen Kerzen mit ihren Kindern, die mit dem Resultat unzufrieden sind, weil sie nicht aussehen wie jene von Ikea.

Sie besorgen sich heimlich süssen Teig im Supermarkt, da der selbst gemachte eher die Eigenschaften von Kleister aufgewiesen hat. Sie backen herz-, stern-, tannen- , engel- und blumenförmige Guetsli, die Ambitionierten glasieren sie mit Schokolade, Zitrone, mit irgendwas, das dazwischen liegt.

Sie werden Fleisch bestellen, das man in Fetzen schneidet, um es dann in Brühe oder Öl in einem Topf auf dem Tisch zu tränken. Sie werden Filets in Blätterteig wickeln, Preiselbeeren servieren, sie werden Prosecco d'Asti horten und Pinot Noir. Werden Schokolade essen und Sahne aufschlagen, werden dem Fitnesscenter fernbleiben und Vorsätze fassen.

Sie werden Hoffnungen aufbauen. Sie werden sich nerven. Werden erschöpft sein.

Und dann ist Weihnachten. Und sie werden sich streiten. Sich beklagen. Sie werden sich wünschen, dass sie es dieses Jahr anders gemacht hätten.

Doch es wird zu spät sein.

Deshalb geniesst den Advent, nehmt Rücksicht auf andere, auf euch. Nehmt es easy. Hinterfragt euren Konsum, fragt euch, was ihr wirklich braucht, wirklich wollt. Was andere brauchen und damit meine ich nicht Lush-Seifen oder Handyhüllen. Fragt euch, wer euch wirklich etwas bedeutet

Noch ist es nicht zu spät.

Im Dossier: Alle Blogs von Sarah Rüegger